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Arthrose – neues, innovatives Medikament gegen Schmerzen in Sicht

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Die Gelenkserkrankung Arthrose ist sehr weit verbreitet und schwer behandelbar. Mit der Entwicklung und weiteren Erforschung eines monoklonalen Antikörpers könnte es bald ein neues Medikament für die Schmerzbehandlung bei Arthrose geben. Die Forschung arbeitet derzeit daran herauszufinden, welche Patientengruppen davon am besten und vor allem ohne Nebenwirkungen profitieren.

Arthrose – die häufigste rheumatische Krankheit

1,4 Millionen Menschen sind in Österreich von der Gelenks-Erkrankung Arthrose betroffen. Sie ist die häufigste, aber auch eine sehr schwer behandelbare rheumatische Krankheit. Arthrose-Schmerzen werden herkömmlicherweise mit nichtsteroidalen Antirheumatika [NSAR] oder Opioiden behandelt. „Doch ist zu erwarten, dass schon bald ein monoklonaler Antikörper verfügbar sein dürfte, der auf andere Weise wirkt: Er hemmt die Wirkung des Nervenwachstumsfaktors und verhindert so die Weiterleitung von Schmerzsignalen aus Muskeln, Haut und Organen an das zentrale Nervensystem“, berichtet ÖSG-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Michael Ausserwinkler, Facharzt für Innere Medizin mit Spezialgebiet Rheuma-Erkrankungen in Villach. „Der neue Wirkstoff könnte jenen Arthroseschmerz-Patienten helfen, bei denen herkömmlichen Analgetika nicht wirken, oder die diese nicht vertragen.“

Arthrose – Begriffsbestimmung und Ursachen

Arthrose entsteht durch ein Missverhältnis zwischen abbauenden und aufbauenden Prozessen im Gelenkknorpel und den darunterliegenden Knochen. Wird mehr Knorpelmasse ab- als aufgebaut, kommt es zu Abnützungen und Schädigungen des Knorpels – also jener schützenden und elastischen Schicht, die sich auf den beiden Knochenenden der Gelenke befindet und sozusagen als Stossdämpfer fungiert – und in der Folge zu Entzündungen und Schmerzen.

Die häufigsten Ursachen sich Fehlbelastungen beispielsweise durch Gelenkfehlstellungen wie O-Beine oder X-Beine, Überbelastung etwa bei Übergewicht oder außergewöhnlich hoher Gelenkbelastung, Stoffwechselerkrankungen wie Gicht und/ oder Verletzungen wie zum Beispiel Knorpeltrauma oder Knochenbrüche, die in Fehlstellung verheilen. Die am häufigsten davon betroffenen Gelenke sind: Knie, Hüfte, Schulter, Wirbelsäule, Finger- und Zehengelenke sowie Sprunggelenke.

Die Füße eines Mannes. (c) Pixabay.com
Mediziner unterscheiden je nach Ausmaß des Verschleißes verschiedene Arthrose-Stadien – von Stadium 1 [der Gelenkknorpel sieht noch glatt und relativ gesund ist, ist aber verdickt und strukturell verändert;]bis Stadium 4, bei dem die Knorpelschicht stellenweise komplett fehlt.

Studienergebnisse zeigen gute Wirksamkeit und Verträglichkeit

2019 wurden die Ergebnisse einer Phase-III-Studie [Berenbaum F et al] vorgestellt, in der 849 Patienten mit mittelstarken bis starken Arthrose-Schmerzen subkutan 2,5 mg bzw. 5 mg des monoklonalen Antikörpers Tanezumab oder Plazebo erhielten. „Die Patienten, die mit 5 mg Tanezumab behandelt wurden, hatten nach 24 Wochen im Vergleich zur Placebo-Gruppe deutlich weniger Schmerzen, eine bessere körperliche Funktion sowie eine bessere Gesamtbeurteilung hinsichtlich des allgemeinen Krankheitsverlaufs“, berichtet Prof. Ausserwinkler.

Bei den Patienten, die mit 2,5 mg Tanezumab behandelt wurden, verbesserten sich Schmerz und körperliche Funktion auch deutlich, aber die Gesamtbewertung der Patienten hinsichtlich ihrer Arthrose-Schmerzen unterschied sich nicht von der jener Patienten, die nur Plazebo erhalten hatten. Bezüglich der Sicherheit des Medikaments zeigte die Studie, dass Tanezumab generell gut verträglich ist.

In einer weiteren neuen Studie [Tive L et al] erhielten Patienten mit fortgeschrittener Arthrose Tanezumab intravenös oder Tanezumab mit oralem NSAR [Naproxen, Celecoxib oder Diclofenac], beziehungsweise Vergleichsgruppen diese NSAR alleine oder Plazebo. Es zeigte sich, dass Tanezumab alle Endpunkte bezüglich Schmerz und Funktionalität sowie des Allgemeinzustandes der Arthrosepatienten verbesserte.

Bei der Untergruppe der Risikopatienten – Menschen mit Diabetes, schweren Arthrosesymptomen oder mehr als 65 Jahren – waren die Ergebnisse ähnlich wie in der Gesamtgruppe. Auch wurde bei den Risikopatienten kein gesteigertes Risiko für Nebenwirkungen festgestellt.

Frage nach ernsthaften Nebenwirkungen

„Es gibt ausreichend Studien zu Tanezumab, die zeigen, dass das Medikament Patienten mit Hüft- oder Kniearthrose helfen kann. Somit könnte der Wirkstoff in absehbarer Zeit auf den Markt kommen“, sagt Prof. Ausserwinkler. „Nun geht es noch um die Festlegung, welche Patientengruppen am meisten von diesem Medikament profitieren können und bei welchen die Gefahr ernsthafter Nebenwirkungen besteht.“

Die klinische Entwicklung von Tanezumab als Schmerzmittel bei Arthrose wurde 2010 und nochmals 2012 von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA gestoppt, da es in Phase-III-Studien zu schnell fortschreitender Arthrose beziehungsweise zu Knochennekrose als Nebenwirkung kam. In der Folge konzentrierte sich die Forschung zu Tanezumab auf diese Nebenwirkung und die richtige Dosierung.

Die verschränkten Hände einer alten Frau, Stichwort Arthrose. (c) Pixabay.com
Das innovative Medikament Tanezumab gibt Arthrose Patienten neue Hoffnung.

Wie kann Arthrose [sonst]behandelt werden? 

Die – bisher – schlechte Nachricht lautet: es gibt keine Arthrose-Behandlung, die einen geschädigten Knorpel wieder herstellen kann. Die gute Nachricht: es ist zumindest möglich, zum einen zu verhindern, dass der Gelenkverschleiß weiter fortschreitet. Und zum anderen können die Symptome der Erkrankung behandelt und gelindert werden.

Prinzipiell umfasst die Arthrose-Behandlung konservative und operative Verfahren, die vom behandelnden Arzt/ Ärztin jeweils individuell ausgewählt werden. Dabei wird unter anderem berücksichtigt, welches Gelenk betroffen ist, wie ausgeprägt der Gelenkverschleiß ist und wie stark die Beschwerden sind.

Konservative Behandlungsmethoden sollen die Schmerzen lindern, Entzündungen bekämpfen und die Muskelkraft und Koordination stärken. Steife Gelenke sollen wieder beweglicher und falsche Belastungen ausgeglichen werden. Dazu eignet ich besonders Schwimmen, Wandern, Radfahren, orthopädische Schuhe, gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion, Physiotherapie, Infrarotlicht oder auch Massagen. Helfen diese Maßnahmen gegen die Scherzen nicht, gibt es schmerzlindernden Salben, Cremes, Gels oder sonstige Schmerzmittel.

Je nach Schwere der Erkrankung gibt es auch verschiedene Arthroskopie- und/ oder Operationsverfahren, um die Knorpelzellen anzuregen, etwaige Fehlstellungen zu korrigieren und die Gelenke zu stabilisieren – bis hin zum Einsetzen künstlicher Gelenke.

Quellen

Hefti F: Pharmacology of nerve growth factor and discovery of tanezumab, an anti-nerve growth factor antibody and pain therapeutic. Pharmacol Res 2019 Apr 23:104240. doi: 10.1016/j.phrs.2019.04.024. [Epub ahead of print]

Tive L et al: Pooled analysis of tanezumab efficacy and safety with subgroup analyses of phase III clinical trials in patients with osteoarthritis pain of the knee or hip. J Pain Res. 2019; 12: 975–995.

Berenbaum F et al.: Subcutaneous Tanezumab for Osteoarthritis Pain: A 24-Week Phase 3 Study with a 24-Week Follow Up. Ann Rheum Dis. Jun 2019;78(Suppl 2):262-4. Abstract LB0007, doi: 10.1136/annrheumdis-2019-eular.8660

(Bilder: Pixabay.com)

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