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Interview: Strategien zur Bekämpfung des Hausärztemangels

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Das Problem ist kein neues: immer weniger Hausärzte und -ärztinnen müssten immer mehr Kranke versorgen. Oder auf den Punkt gebracht: in Österreich droht ein Hausärztemangel. Davon betroffen sind vor allem ländliche Regionen und in diese wiederum vor allem ältere Menschen. Denn speziell auf dem Land gibt es viel zu wenig Nachwuchs betreffend Ärztinnen und Ärzte.

Wir haben aus diesem Grund mit der Präsidentin des Österreichischen Hausärzteverbandes (ÖHV), Dr. Angelika Reitböck, gesprochen. Was ihre künftigen Aufgaben sind, welche Schwerpunkte sie hat und vor allem welche Lösungen der bekannten Problematik im Bereich der niedergelassenen allgemeinmedizinischen Versorgung sie hat, lesen sie hier.

Ein leeres Ärztezimmer, Stichwort Hausärztemangel. (c) Pixabay.com
Wenn sich nichts ändert, werden in fünf bis zehn Jahre viele Arztpraxen vor allem in ländlichen Regionen leer stehen.
Frau Präsidentin, worin sehen sie ihre zukünftigen Schwerpunkte und Aufgaben?

Es ist ganz wichtig, das Berufsbild des Hausarztes wieder aufzuwerten und zu stärken. Ansonsten wird die medizinische Versorgung der Bevölkerung am Land, aber auch in weiterer Folge in der Stadt immer mehr ausgedünnt werden. Das Hausarztmodell wird immer zeitgemäß bleiben und stellt die individuellste und optimale Form der medizinischen Basisbetreuung dar.

Sie wurden am 24. November des Vorjahres zur neuen Präsidentin des ÖHV gewählt. Was waren ihre Motive, dass sie sich der Wahl gestellt haben?

Weil es wichtig ist, sich einzubringen! Wenn nur jeder sagt, „das tue ich mir nicht an und ich mache mir ein möglichst schönes Leben“, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Entwicklungen und Resultate in unserer Gesellschaft alles andere als erfreulich verlaufen.

Was sind ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, Stichwort Hausärztemangel?

Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der niedergelassenen Mediziner in den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich der Ärztemangel eklatant verschärfen. Die dafür verantwortlichen Gründe sind vielfältig. Es fehlen vor allem Anreize und Begeisterung unserer jungen Kolleginnen und Kollegen, nach dem Medizinstudium den Beruf des Hausarztes zu ergreifen. Wenn bereits fast die Hälfte unserer Studienabgänger lieber ins Ausland geht, so sollte es auch langsam dem letzten unserer Entscheidungsträger klar werden, dass mit den üblichen Schönredereien und Floskeln hier keine Umkehr des Trends zu bewirken ist.

Das heißt, wir steuern quasi „sehenden Auges“ in eine Krise was die hausärztliche Versorgung vor allem der ländlichen Gebiete betrifft?

Nun, ich bin seit nunmehr 14 Jahren Hausärztin am Land und kenne daher alle damit verbundenen Probleme und täglichen Herausforderungen aus erster Hand. Die sich weiter verschärfenden Probleme des Hausärztesterbens können nur durch intensive Zusammenarbeit mit den überregionalen Entscheidungsträgern gelöst werden.

Dabei ist es erstaunlich, dass sich in den allermeisten entscheidenen Gremien keinerlei Ärztinnen und Ärzte wiederfinden. Ärzte, die aus der wirklichen Praxis berichten und damit die tatsächlichen Probleme darstellen und auch adäquate Lösungen anbieten könnten, sind dabei nicht präsent. Sie finden sich bestenfalls in Subkomitees der zweiten und dritten Linie, wo sie meist ungehört und ohne jeglichen Einfluss agieren.

Portrait Dr. Angelika Reitböck. (c) Foto Walter
In den Köpfen der Entscheidungsträger regiert meist der Rechenstift, sowie diverse gescheit klingende theoretische Überlegungen, die aber meist an der Wirklichkeit völlig vorbeigehen!
Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für den Hausärztemangel?

Der Kern des Problems dieser Diskussion ist, dass das, was die Generationen vor uns mühsam aufgebaut haben, jetzt langsam aber sich verloren geht. Das hat folgende Gründe:

  1. Trotz allen Geredes über Bürokratieabbau geschieht praktisch jeden Tag das Gegenteil. Ständig neue Gebote und Verbote engen unseren [Anmerkung: den der Hausärzte] Handlungsspielraum immer mehr ein. Dadurch wird die Freiberuflichkeit immer mehr reglementiert und ausgehebelt. Wir verbringen in unserer täglichen Arbeit schon mindestens genauso viel Zeit, diesen immer größeren Wust an Bürokratie abzuarbeiten wie wir Zeit für die tatsächliche medizinische Betreuung unserer Patienten aufwenden.

  2. Wir leben in einem System absoluter Leistungsfeindlichkeit, das von denen zäh verteidigt wird, die am meisten davon profitieren. Konkret bedeutet dies, dass wir [Anmerkung: Ärzte] bei höheren Fallzahlen und der Bereitschaft mehr zu arbeiten noch zusätzlich in Form von signifikanten Honorarabschlägen bestraft werden.

  3. Das schlechte Image des Hausarztes, das entsprechend aufgewertet werden muss. Dies bedeutet konkret die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin und die Anpassung des Honorierungssystems an das der Fachärzte.

  4. Die Einbindung der Medizinstudenten in das Aktivitätsspektrum der Haus- und Landärzte muss intensiviert werden und früher passieren. Damit könnten mehr angehende Mediziner Einblick und Interesse für das Berufsbild des Hausarztes entwickeln.

Frau Dr. Reitböck, vielen Dank für das Gespräch.

(Bilder: Pixabay.com (2x), Foto Walter)

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