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Covid-19 in Pflegehäusern: Isolation schützt und schadet gleichzeitig

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Mit Sicherheit eine der schwierigsten bzw. härtesten Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus war die soziale Isolation. „Covid-19-Infektionen eindämmen war wichtig und richtig, aber es gibt dabei ein ethisches Dilemma: Isolation schützt und schadet nämlich gleichzeitig„, betont Diakonie Direktorin Maria Katharina Moser anlässlich der Präsentation der Studie der Gesundheit Österreich zu Alten und Pflegeheimen.

Die Diakonie berichtet über die problematischen Folgen der Isolation: Angehörige nicht sehen zu können, verletzt die Seele. Menschen mit Demenz oder auch Menschen mit intellektuellen Behinderungen können oft nicht verstehen, was da jetzt los ist. Sie werden verwirrter, Aggressionen und herausforderndes Verhalten steigen, was wiederum medikamentöse Interventionen nach sich ziehen kann. „Verstärkte persönliche Zuwendung, die helfen würde, ist bei Kontakteinschränkungen nicht möglich. Keine Physiotherapie, keine Ergotherapie, keine Psychotherapie – der Gesundheitszustand verschlechtert sich„, erklärt die Diakonie Direktorin.

Porträt Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, Stichwort Covid-19.
(c) Diakonie Österreich/ Simon Rainsborough
Diakonie Direktorin Maria Katharina Moser weiß, dass sich der Gesundheitszustand von pflegebedürftigen Menschen aufgrund von sozialer Isolation verschlechtert.

Diakonie fordert Studie zu Langzeitfolgen von Isolationsmaßnahmen

„Wir brauchen deshalb dringend eine Studie zu Langzeitfolgen von Kontakteinschränkungs- und Isolationsmaßnahmen für die körperliche und seelische Gesundheit“, fordert die Diakonie Direktorin.

Denn jetzt in der Phase der Lockerungen müssen wir abwägen und uns fragen: Was ist verhältnismäßig? Welche problematischen Nebenfolgen kann ich in Kauf nehmen? Und dazu müssen wir natürlich auch die Folgen kennen. Und ein Problem bei Corona war und ist: „Wir wissen zu wenig über das neuartige Virus, das uns mit einer bis dato unbekannten Situation konfrontiert“, so Moser.

Pflege ist mehr als „warm, satt, sauber“

Die Diakonie sieht auch problematische Auswirkungen der Corona-Krise auf den Zugang zu Pflege allgemein. In den letzten 30 Jahren hat sich ein Perspektivenwechsel vollzogen. Die Medizin ist nicht mehr die alleinige Leitwissenschaft für die Pflege. Der Blick ist weiter geworden. Gesundheit wird ganzheitlicher verstanden, die seelische und mit ihr die spirituelle Dimension, das Wohlbefinden und Beziehungen sind in den Blick gekommen, aber auch Selbstbestimmung, soziale Teilhabe und Inklusion. „Jetzt aber beobachten wir eine erneute Medikalisierung durch infektiologische Betrachtungsweisen„, bemerkt Moser.

„Wir müssen wieder mehr auf die ganzheitliche Gesundheit schauen und auf den lebenswerten Alltag von Menschen in ihrem letzten zu Hause, den Pflegeeinrichtungen. Es geht nicht nur darum, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden„, so Moser.

Das Virus isolieren, nicht die Menschen

Auch die Caritas begrüßt die von der Bundesregierung unter Einbeziehung von Expert*innen vorgeschlagene weitere Öffnung von Senioren- und Pflegewohnhäusern. Caritas Präsident Michael Landau: „Wir müssen das Virus isolieren und nicht die Menschen. Aus diesem Grund begrüßen wir als Caritas weitere Schritte, die nun zur Öffnung der Senioren- und Pflegewohnhäuser in ganz Österreich gesetzt werden.“

Die Caritas wünscht sich für die nun anstehenden Maßnahmen aber auch „Klarheit und Rechtssicherheit„. Landau: „Wir befinden uns nun in einer Phase der Abwägung zwischen Freiheit der Bewohner*innen und Schutz der Gesundheit. Gelingen kann die weitere Öffnung daher nur, wenn von Bundesseite ein klarer Stufenplan vorgegeben wird, der nicht in Konflikt mit landesrechtlichen Verordnungen steht. Ein gut koordiniertes Zusammenspiel von Bund und Ländern ist hier unerlässlich.“

Darüber hinaus regt die Caritas dazu an, Selbsttests in den Pflegewohnhäusern, in sozialen Einrichtungen sowie in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen lokal zur Verfügung zu stellen, um eine rasche Handlungsfähigkeit zu gewährleisten: „An all diesen Orten benötigen wir regelmäßige Screenings. Denn auch wenn ein Blick auf die Infektionsstatistik zuversichtlich stimmt: Nur durch regelmäßige Tests von Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen und auch Angehörigen kann das Virus mittel- und langfristig erfolgreich bekämpft werden„, so Landau weiter.

Caritas Präsident Michael Landau im Gespräch.
(c) Caritas/ Michael Appelt
Caritas Präsident Michael Landau begrüßt die weitere Öffnung von Senioren- und Pflegewohnhäusern in Österreich.

Gesellschaftsthema Einsamkeit durch Covid-19-Krise massiv verschärft

Landau ist überzeugt: „Schon vor der Corona-Krise war Einsamkeit eine Zivilisationskrankheit in westlichen Gesellschaften von der Alte und Junge gleichermaßen betroffen sind. Durch die Pandemie hat sich diese Krise nun massiv verschärft. Als Caritas versuchen wir in der jetzigen Situation mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, wie beispielsweise dem Plaudernetz oder digitalen Lösungen gegen eine zunehmende Vereinsamung anzukämpfen. Doch klar ist auch: Hier wird es eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung brauchen. Andere Länder haben hier ermutigende Initiativen gesetzt. Wir würden uns auch in Österreich einen breit getragenen Pakt gegen Einsamkeit wünschen.“

„Der Schutz der älteren Menschen steht natürlich immer noch an erster Stelle. Aber sie hatten während des Lockdowns besonders unter Einsamkeit zu leiden. Wir wissen alle – Einsamkeit macht krank und der soziale Tod ist auch ein Tod“, betont Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec.

„Dass ihre Kinder sie jetzt wieder ohne Angabe besonderer Gründe besuchen dürfen, ist unglaublich wichtig. Der Kontakt zu geliebten Menschen ist vor allem für ältere und Pflegebedürftige Menschen ein Lebenselixier. Vielen ist das auch wichtiger als die eigene Gesundheit“, gibt sie zu bedenken.

(Bilder: Pixabay.com, Diakonie Österreich/ Simon Rainsborough, Caritas/ Michael Appelt)

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