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Diabetes und Herzinsuffizienz – eine verhängnisvolle Affäre

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Herzinsuffizienz und Diabetes mellitus treten oft gemeinsam auf, beeinflussen sich gegenseitig und müssen auch entsprechend bei der Therapie mitgedacht werden. Mit einem neu erschienenen Positionspapier[1] möchte die Österreichische Diabetes Gesellschaft [ÖDG] gemeinsam mit der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft [ÖKG] einen Beitrag zur Bewusstseinssteigerung hinsichtlich des Vorliegens dieses engen Zusammenhangs leisten. Alle, die an einer der beiden Erkrankungen leiden, sollten auch ihr persönliches Risiko für die jeweils andere beachten und beobachten. In der Früherkennung wie in der Behandlung ist hier ärztliches Engagement und interdisziplinäres Denken von besonderer Bedeutung.


Enger Zusammenhang zwischen Diabetes und Herzinsuffizienz

Univ. Prof.in Dr.in Susanne Kaser, Stv. Direktorin Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck und Präsidentin der ÖDG, erklärt: “Bei Menschen mit Diabetes ist auf die Herzgesundheit ein besonderes Augenmerk zu legen. Die Betroffenen selbst haben oft mehr Angst vor anderen, möglichen Folgeerkrankungen des Diabetes, die augenscheinlicher sind, wie Amputationen, Erblindung oder Nierenversagen. Sehr häufig folgen aber auch Erkrankungen des Herzkreislaufsystems auf einen nicht erkannten oder nicht optimal behandelten Diabetes. Besonders sticht der enge Zusammenhang zwischen Diabetes und Herzinsuffizienz ins Auge. Die Prävalenz von Prädiabetes und Diabetes mellitus ist unter Patient•innen mit chronischer Herzinsuffizienz sehr hoch, andererseits ist die chronische Herzinsuffizienz eine potentielle Folgeerkrankung eines Diabetes mellitus.”

Portrait Assoz. Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Susanne Kaser von der Uniklinik für Innere Medizin I der Med Uni Innsbruck und Präsidentin der ÖDG (c) Wild und Team Salzburg
Susanne Kaser weist auf den engen Zusammenhang zwischen Diabetes und Herzinsuffizienz hin.

Herzinsuffizienz nicht nur eine “Schwäche”

Univ.Prof. Dr. Kurt Huber, Leiter 3. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie an der Klinik Ottakring, Professor für interventionelle und Akut-Kardiologie sowie Vize-Dekan für Forschung an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud Privat-Universität [SFU MED] und Mitautor des Positionspapiers betont: “Die Herzinsuffizienz, die auch Herzschwäche oder Herzmuskelschwäche genannt wird, ist viel zu wenig bekannt. Viele hören den Begriff erst bei der eigenen Diagnose zum ersten Mal. Und dabei wächst das Problem von Tag zu Tag. In einer immer älter werdenden Gesellschaft steigt die Inzidenz der Herzinsuffizienz automatisch an.

Bei der Herzinsuffizienz ist der Herzmuskel, bedingt durch unterschiedliche Erkrankungen, geschwächt. Dadurch kommt es nicht nur zu Erschöpfungs- und Atemnotzuständen, in manchen Fällen kann diese Erkrankung auch fortschreiten und eine direkten Bedrohung des Lebens darstellen. Der Ausruck ‚Herzschwäche‘, was oftmals nicht als ernsthafte Erkrankung verstanden wird, gibt die Ernsthaftigkeit der zugrunde liegende Erkrankung nicht korrekt wider. Der Diabetes ist dabei nicht nur ein Risikofaktor für das Auftreten einer Herzinsuffizienz, häufig bedingt durch eine durch den Diabetes geförderte koronare Herzkrankheit [Anmerkung: Verengung der Herzkranzgefässe bis hin zu einem Herzinfarkt], sondern erhöht auch die Mortalitäts- und die Hospitalisationsrate.

Weltweit betrifft Diabetes mellitus knapp zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung, wobei über 90 Prozent der Fälle dem Typ-2-Diabetes zuzuschreiben sind, während die Häufigkeit einer Herzinsuffizienz bei Erwachsenen mit zirka zwei Prozent angegeben wird. Bei über 65-Jährigen steigt die Herzinsuffizienzhäufigkeit auf zwölf Prozent an. Bei Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz weist fast die Hälfte der Betroffenen auch einen Typ-2-Diabetes auf. Rechnet man auch Prädiabetes dazu, hat der Großteil der Patient•innen mit Herzinsuffizienz eine Zuckerstoffwechselstörung oder zumindest eine Insulinresistenz. Umgekehrt konnte eine Herzinsuffizienz in zehn bis 20 Prozent bei Menschen mit Typ-2-Diabetes nachgewiesen werden.

Zucker schadet – direkt und indirekt

Ein Zuviel an Zucker ist Gift für die Gefäße und somit auch für das Herz. Herzinsuffizienz ist oft Folge eines Herzinfarkts oder einer Schädigung der Herzkranzgefäße durch Gefäßverkalkung. Schädigungen der Gefäße werden beim gesunden Menschen durch Reparaturmechanismen im Lauf der Zeit ausgeglichen. Durch einen Überschuss an Zucker im Blut verringert sich diese Regenerationsfähigkeit der Gefäßwände deutlich. Dadurch fördert Diabetes, bei dem der Zucker im Blut gar nicht oder nicht schnell genug abgebaut wird, direkt die Gefäßverkalkung.

Zusätzlich haben Menschen mit Typ-2-Diabetes sehr häufig weitere Risikofaktoren für Herzerkrankungen. Dazu zählen vor allem schlechte Blutfettwerte und erhöhter Blutdruck, sowie eine Fettleber und vor allem Bauch-betontes Übergewicht. Auch das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom, an dem viele Menschen mit Diabetes leiden, begünstigt eine Herzinsuffizienz.

Ein Zusammenspiel auf vielen Ebenen

Die gegenseitige Beeinflussung der beiden Erkrankungen lässt sich auf zellulärer Ebene beobachten. Herzinsuffizienz provoziert eine diabetogene Stoffwechsellage, die Insulinresistenz fördert, und Diabetes greift zusätzlich in die Myokardfunktion [Anmerkung: das Myokard ist der Herzmuskel] ein. Auf diesem Weg addieren sich die beiden Erkrankungen gegenseitig. Auch die Fibrosebildung, ein fundamentaler Prozess der Herzinsuffizienz, wird von Diabetes beeinflusst. Die gestörte Kalziumwiederaufnahme ist ebenfalls ein Aspekt, den beide Erkrankungen gemeinsam haben. Zusätzlich haben auch beide Erkrankungen Auswirkungen auf die Nierenfunktion.

Illustration: ein rotes Herz, darüber ein schwarzes mit einer Herzschlaglinie, Stichwort Herzinsuffizienz.
(c) Pixabay.com
Diabetes und Herzinsuffizienz addieren sich gegenseitig und haben oft weitere Erkrankungen zur Folge.

Nach Entdecken der einen Erkrankung müssen die Anzeichen für die andere beobachtet werden

“Menschen mit Diabetes, aber ebenso Menschen mit einer Herzinsuffizienz, sollten die Risikofaktoren für die jeweils andere Erkrankung regelmäßig überprüfen lassen. Schon im Vorstadium des Diabetes Typ 2 mit Erhöhung des Nüchternblutzuckers oder überhöhtem Anstieg des Blutzuckers nach Nahrungsaufnahme kommt es bereits zu Schädigungen der Gefäße. Darum sollten alle Menschen mit einer Zuckerstoffwechselstörung auch an ihre Herzgesundheit denken”, betont Univ. Prof. Dr. Harald Sourij, Stv. Abteilungsleiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Universität Graz und Erster Sekretär der ÖDG.

Das Risiko für eine Herzinsuffizienz bei Diabetes mellitus kann durch eine optimale medikamentöse Behandlung des Diabetes gesenkt werden. Innovative Diabetes-Medikamente, die zusätzlich zur Blutzuckersenkung auch das Herz-Kreislauf-Risiko vermindern, tragen zur besseren Lebensqualität und Abnahme der Sterblichkeit bei. Eine Wirkstoffklasse, die in der Diabetesbehandlung eingesetzt wird, ist nun auch eine relevante Therapieoption bei Herzinsuffizienz.

Interdisziplinäres Denken in Diagnose und Therapie

Abschließend appelliert Kaser an die Ärzt•innen: “Durch den engen Zusammenhang zwischen Glukosestoffwechselstörung und Herzinsuffizienz, bei der sowohl Herzinsuffizienz eine mögliche Folge von Diabetes sein kann als auch umgekehrt, leiden sehr viele Patient•innen mit Herzinsuffizienz an Prädiabetes und Diabetes. Nicht zuletzt deswegen ist ein Screening in beide Richtungen doppelt sinnvoll und wichtig. Das Positionspapier empfiehlt HbA1c- und Nüchternglukose-Tests bei Patient•innen mit Herzinsuffizienz und umgekehrt ein Herzinsuffizienz-Screening mittels Labortest bei Patient•innen mit Diabetes mellitus. Dies zeigt eindringlich, dass bei diesen beiden Erkrankungen interdisziplinäres Denken in Diagnose und Therapie für den Behandlungserfolg entscheidend sind.”

Über die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG)

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft [ÖDG] ist die ärztlich-wissenschaftliche Fachgesellschaft der österreichischen Diabetes-Experten•innen. Ordentliche Mitglieder der Gesellschaft sind Ärzt•innen und wissenschaftlich einschlägig orientierte Akademiker•innen. Assoziierte Mitglieder sind Diabetesberater•innen und Diätolog•innen. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft sieht es als ihre Aufgabe, die Gesundheit und Lebensqualität von Menschen mit Diabetes mellitus zu verbessern. Sie setzt sich daher für die Anliegen der Betroffenen ein. Sie fordert und fördert die stetige Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus. Sie unterstützt die Forschung und verbreitet wissenschaftliche Erkenntnisse aller den Diabetes berührenden Fachgebiete sowohl zur Verbesserung der medizinischen Betreuung als auch zur bestmöglichen Vorbeugung von Neuerkrankungen.


[1] Kaser S et al., Positionspapier der ÖDG und ÖKG Diabetes mellitus und Herzinsuffizienz, Journal für Kardiologie – Austrian Journal of Cardiology 2021; 28 (1-2): 14-20

(Bilder: AdobeStock, Wild und Team-Salzburg, Pixabay.com)

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