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Corona-Impfung: frühe Behandlung kann Thrombosen verhindern

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Als vor mittlerweile mehr als 15 Monaten das Corona-Virus SarS-CoV-2 zum ersten Mal nachgewiesen wurde, gingen Medizinerinnen und Mediziner weltweit davon aus, dass es sich dabei um eine Lungenkrankheit handle. Inzwischen weiß man, dass es sich dabei vielmehr um eine Erkrankung der Gefäße handelt, die den gesamten Körper angreift. Das Virus befällt neben Atemwegen und Lunge nahezu alle Organe und ruft Entzündungen hervor. Darüber hinaus beobachten Wissenschaftler•innen seit geraumer Zeit ein weiteres Phänomen: Thrombosen und Lungenembolien, die im schlimmsten Fall mit dem Tod enden.

In den letzten Monaten wurde gerade nach Impfungen gegen das Corona-Virus ein seltenes Syndrom von Thrombosen an ungewöhnlichen Stellen im menschlichen Körper, verbunden mit einem Mangel an Thrombozyten [Blutplättchen] und einer Gerinnungsstörung, festgestellt. Im Fachjargon heißt dieses Syndrom VITT [vaccine-induced thrombotic thrombocytopenia], also impfinduzierter Blutplättchenmangel mit Thrombosen. Einen derartigen akuten Vorfall konnten nun Ärztinnen und Ärzte an der Universitätsklinik für Innere Medizin I von MedUni Wien und AKH Wien [Klinische Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie] erfolgreich behandeln.

ANMERKUNG
An dieser Stelle sei aber angemerkt, dass die Gefahr einer ohnehin sehr seltenen Thrombose bei einer Corona-Infektion deutlich höher ist als nach einer Impfung gegen das Virus.


Thrombose aufgrund einer fehlerhaften Immunantwort

Das VITT-Syndrom wird höchstwahrscheinlich durch eine fehlerhafte Immunantwort verursacht, wodurch Thrombozyten-aktivierende Antikörper gebildet werden und eine Thrombozytopenie [Blutplättchenmangel] und Thrombosen entstehen. Die Sterblichkeitsrate ist hoch – diese liegt bei 40-50 Prozent – und eine sofortige entsprechende Behandlung ist dringend erforderlich.

Blutplasma unter einem Mikroskop, Stichwort Thrombose.
(c) Pixabay.com
Wiener Ärzt•innen konnten erstmals impfinduzierten Blutplättchenmangel mit Thrombosen erfolgreich behandeln.

Erfolgreiche Behandlung

An der Universitätsklinik für Innere Medizin I von MedUni Wien und AKH Wien konnte ein Team von Ärztinnen und Ärzten unter Leitung des Gerinnungsspezialisten Paul Knöbl nun erfolgreich eine Betroffene mit impfinduzierter prothrombotischer Immunthrombozytopenie [VIPIT] behandeln. Die Patientin war mit niedriger Thrombozytenzahl und niedrigem Fibrinogenwert, aber noch ohne Thrombosen, an die Universitätsklinik gekommen. Fibrinogen ist ein Eiweiß, das eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung spielt. Knöbl: „Außerdem waren die D-Dimer-Werte, die auf eine Thrombose hindeuten können, sehr hoch und die Heparin-PF4-Antikörper-ELISA stark positiv. Alles Anzeichen für eine entstehende Thrombose.“

Die Ärztinnen und Ärzte handelten rasch. Auf eine Behandlung mit hochdosiert intravenös gegebenen Immunglobulin-Konzentraten, Kortison und besonderen gerinnungshemmenden Medikamenten sprach die Patientin sofort an, wodurch eine Thrombose verhindert werden konnte. Immunglobulin-Konzentrate enthalten Antikörper, die die fehlgeleitete Immunreaktion abblocken können. Zur Gerinnungshemmung dürfen nicht die üblichen Heparinpräparate verwendet werden, da diese Thrombosen auslösen oder sogar verschlechtern können.

„Bei diesem Fall konnten wir zum ersten Mal die Wirksamkeit einer potenziell lebensrettenden Behandlungsstrategie für impfinduzierte Thrombosen beschreiben,“ sagt Knöbl. Diese neuen Erkenntnisse wurden nun im Journal of Thrombosis and Haemostasis publiziert. Dabei werden einerseits die aktuellen Behandlungsempfehlungen unterstützt, es wird aber auch darauf hingewiesen, dass zur Vermeidung einer lebensbedrohlichen Thrombose eine frühzeitige Diagnose und eine unverzügliche Einleitung der Behandlung notwendig sind. „Diese Erfahrung könnte eine große Hilfe zur Behandlung anderer Patientinnen und Patienten mit ähnlichen Erkrankungen sein.“

Ein Forscher in einem Labor vor Monitoren.
(c) MedUni Wien
Zum ersten Mal konnte die Wirksamkeit einer potenziell lebensrettenden Behandlungsstrategie für impfinduzierte Thrombosen beschrieben werden [Anmerkung: Symbolbild].

Was passiert eigentlich bei einer Thrombose?

Als Thrombose bezeichnen Medizinerinnen und Mediziner ein festsitzendes Blutgerinnsel, das sich innerhalb eines Gefäßes gebildet hat und droht, dieses zu verschließen oder bereits verschlossen hat. Am häufigsten entstehen Thrombosen in den tiefen Beinvenen. Arterielle Thrombosen sind deutlich seltener und können zum Beispiel zu einem Herzinfarkt führen. Das Gefährliche an einer Thrombose: gerade in der Anfangsphase ist sie für die Patientinnen und Patienten kaum bis gar nicht spürbar.

Ein erster Hinweis auf eine etwaige Thrombose sind Beschwerden, die nur an einem Bein auftreten – im Unterschied etwa zu einem Muskelkater, der zumeist beide Beine betrifft. Typische Warnzeichen sind:

  • wiederholt unerklärlich starke Schmerzen im Bein

  • Schwellung eines Beins

  • unterschiedlich warme Beine

  • Hitzegefühl in einem Bein

  • bläuliche Verfärbung an einem Bein

  • starke Schmerzen beim Auftreten

Bleibt ein Blutgerinnsel in weiterer Folge unerkannt und kann der Körper dieses nicht wieder selbst auflösen, kann es sich von der Gefäßwand lösen und beispielsweise über den Blutkreislauf zur Lunge wandern. Die mögliche Folge ist im schlimmsten Falle eine Lungenembolie.

Service: Journal of Thrombosis and Haemostasis

Die Ergebnisse von Dr. Knöbl und seinem Team wurden im renommierten Fachmagazin Journal of Thrombosis and Haemostasis publiziert: „Successful treatment of vaccine-induced prothrombotic immune thrombocytopenia [VIPIT].“ Thaler J, Ay C, Gleixner KV, Hauswirth AW, Cacioppo F, Grafeneder J, Quehenberger P, Pabinger I, Knöbl P. J Thromb Haemost. 2021 Apr 20. doi: 10.1111/jth.15346. Epub ahead of print. PMID: 33877735.

(Bilder: Pixabay.com (2x), MedUni Wien)

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