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Herzgesundheit in Ö – wo wir aktuell stehen und was wir brauchen

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich noch immer die Haupt-Todesursache. 39 Prozent der Menschen versterben daran, im internationalen Vergleich ist das eine hohe Zahl“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek (Ordensklinikum Linz), Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG). Das ist ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass trotz aller Fortschritte der modernen Herz-Medizin die Herausforderungen in der Kardiologie zunehmen, sich aber gleichzeitig verändern.

Nach einer eindrucksvollen Senkung der Herzinfarkt-Sterblichkeit durch die medizinischen Fortschritte steigt zum Beispiel die Zahl von Herzinsuffizienz-PatientInnen rapide an. Unbestritten ist, dass heute für die Abnahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Prävention und Früherkennung entscheidend sind. Allerdings besteht hier in Österreich ein massiver Nachholbedarf, wie eine Reihe auch sehr aktueller Studien zeigen.

Herzgesundheit: Wo stehen wir und was brauchen wir?

Die Leistungen der modernen Herz-Medizin sind zweifelsohne hervorragen. Trotzdem muss aus kardiologischer Sicht noch viel getan werden, um das Auftreten von Herzkrankheiten ebenso zu verringern wie ihre Auswirkungen – von der Vorbeugung über die Versorgung bis hin zur ärztlichen Ausbildung.

Wie gesagt, die niedergelassene, ambulante und stationäre kardiologische Betreuung in Österreich muss als erstklassig bezeichnet werden. So war es möglich, die Zahl der Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vom Jahr 1980 bis zum Jahr 2018 von 49.014 auf 32.684 zu verringern – und das bei einer in diesem Zeitraum um etwa 1,3 Millionen gewachsenen Bevölkerung.

Im internationalen Vergleich zeigen sich allerdings in Österreich einige Besonderheiten. Das belegen auch die aktuellen Daten der PURE-Studie. Bewohner von High Income Countries (HIC) wie Österreich haben demnach generell
– die meisten kardiologischen Risikofaktoren,
– konsumieren die meisten Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
– haben die wenigsten Spitalseinweisungen und
– leben am längsten.

Im weltweiten Maßstab ist heute in HIC die Todesursache Karzinom, also Krebs, um 2,5 mal häufiger als eine kardiovaskuläre Ursache. In Österreich ist das allerdings anders. Konträr zu anderen HIC liegen bei uns Krebserkrankungen als Todesursache seit Jahrzehnten mit plus/ minus 20.000 pro Jahr konstant an zweiter Stelle nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Österreich ist also in diesem Bereich nicht dort angekommen, wo es eigentlich hingehört.

Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek zum Thema Herzgesundheit. (c) B&K/ APA-Fotoservice/ Rastegar
Univ.-Prof. Dr. Peter Siostrzonek: „Solche Studienergebnisse sind ein Alarmsignal, das nicht überhört werden darf. Diese Daten sollten der Gesundheitspolitik einen zusätzlichen Anlass bieten, die kardiologische Versorgung in Österreich künftig auf keinen Fall zu reduzieren, sondern entsprechend auszubauen.“

Wo die kardiologische Versorgung in Österreich besser werden muss

  • In den Themenbereichen Früherkennung und Prävention ist noch sehr viel „Luft nach Oben“, eine bessere Koordination und Abstimmung der vielfältigen Maßnahmen ist sinnvoll.
  • Es muss leitliniengerecht behandelt werden und die Kosten dafür müssen von den Krankenkassen übernommen werden – das ist bei Medikamenten nicht immer der Fall.
  • Gesichert sein müssen ausreichend viele Spitalsambulanzen und kardiologische Abteilungen mit fachspezifischen invasiven und nicht-invasiven Angeboten. Das schließt auch genügend hochwertige Spitalsbetten ein, zum Beispiel für Katheter-Untersuchungen und -Interventionen oder Überwachungsbetten, die auf keinen Fall abgebaut werden dürfen.
  • Rehabilitation und Langzeitbetreuung unter intensiver Einbeziehung des niedergelassenen ärztlichen Bereichs müssen auf eine solide Basis gestellt werden. Das schließt auch die konsequente Nutzung telemedizinischer Anwendungen ein, die bei weitem nicht flächendeckend genützt werden, sowie mobile Pflege- und Betreuungsdienste. All das gehört in ein Gesamtkonzept mit optimierten Schnittstellen integriert.
  • Und natürlich geht es auch darum, die Kardiologie finanziell entsprechend auszustatten, damit diese Leistungen erbracht werden können und auch in Zukunft gesichert sind. Das muss österreichweit auf einem den modernen Entwicklungen entsprechenden Versorgungsniveau geschehen, und es darf zu keinen Abstrichen bei relevanten kardiologischen Leistungen wie Labor, Medikamente, Telemedizin und mobile Pflege kommen.

Herausforderung Herzinsuffizienz: Maßnahmen gegen die neue Volkskrankheit erforderlich

Dass die Zahl der Todesfälle nach einem akuten Herzinfarkt in Österreich signifikant rückläufig ist, ist ein sehr schöner Erfolg. Für diese sehr positive Entwicklung zahlen wir jedoch einen gewissen gesundheitlichen Preis: Immer mehr Menschen, die einen akuten Herzinfarkt überleben, erkranken an einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche).

Durch rechtzeitige Intervention an verengten Herzkranzgefäßen und durch rasche Akutversorgung bei Infarkten hat sich – parallel zur steigenden Lebenserwartung – die Zahl der Todesfälle bei Menschen mit „sonstigen ischämischen Erkrankungen“ wie beispielsweise Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern vervielfacht. Diese stiegen in dieser Krankheitsgruppe von 3.747 im Jahr 1980 auf 9.250 im Vorjahr.

„Herzinsuffizienz entwickelt sich derzeit zu einer regelrechten Volkskrankheit mit weltweit mehr als 26 Millionen Betroffenen“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli (SMZ Ost – Donauspital), Past-Präsident der ÖKG. „Bis zu 45 Prozent der Menschen, die wegen Herzinsuffizienz in ein Krankenhaus aufgenommen werden müssen, sterben innerhalb eines Jahres.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli zum Thema Herzgesundheit. (c) B&K/ APA-Fotoservice/ Rastegar
Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli weiß: „In Österreich kommt es zu 25.000 Hospitalisierungen pro Jahr aufgrund von Herzinsuffizienz. Sie ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte bei Über-65-Jährigen.“

Zu wenig Wissen und Bewusstsein – Maßnahmen für eine bessere Versorgung

Trotzdem wissen 50 Prozent der PatientInnen bei Diagnosestellung nicht, was Herzschwäche überhaupt ist (Quelle: 1. Österreichischer Patientenbericht zu Herzinsuffizienz, 2018). Viele Betroffene bekommen erst mit großer Verzögerung eine zielführende Behandlung, wertvolle Zeit verstreicht ungenützt. 50 Prozent nehmen ihre Medikation nicht regelmäßig ein. (Quelle: Hauptverband der österreichischen SVT).

Prof. Stefenelli: „Aufgrund der schlechten Prognose vor allem nach einer Dekompensation bzw. Spitalseinweisung wegen Herzinsuffizienz bedarf es dringend vermehrter Initiativen zur Früherkennung, Schulung und Therapieanpassung, und der Optimierung von Schnittstellen.“

  • Das bedeute die Notwendigkeit von mehr „Heart Failure Units“ (Herzinsuffizienz-Ambulanzen) und ein optimales Zusammenwirken von Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und spezialisierten Pflegepersonen unter Zuhilfenahme von Telemetrie zur Fernüberwachung.
  • Die Bestimmung des NT-proBNP als Maß der Herzkammern-Belastung werde regional recht unterschiedlich von den Kassen bezahlt, was in einzelnen Bundesländern die Verlaufskontrolle bei Herzinsuffizienz erschwerte. Die Kosten müssten österreichweit übernommen werden.
  • Wesentlich ist außerdem eine flächendeckende Einbindung mobiler Pflegepersonen, um die positiven Erfahrungen von Aktionen wie KardioMobil Salzburg oder HerzMobil Tirol zu nützen.
  • Nicht zuletzt ist es wichtig, die Öffentlichkeit über die Herzinsuffizienz konsequent zu informieren, damit Symptome als Warnhinweise erkannt werden und ein Arzt aufgesucht wird.

Zentrale Bedeutung von Prävention und Früherkennung

„Das Ziel muss sein, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung gar nicht erst zu bekommen. Und, wenn doch eine auftritt, sie frühestmöglich kompetent zu behandeln„, sagte Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger (Ärztlicher Leiter, Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Großgmain für Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen der PVA, Bereich Medizin).

Prävention und Früherkennung sind in der modernen Kardiologie von zentraler Bedeutung. Primär- und Sekundärprävention haben ein enormes Potenzial.“ Es sei vielfach dokumentiert, dass sich atherosklerotische Veränderungen in 9 von 10 Fällen auf Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht zurückführen lassen. Lebensstilmodifikationen mit Verringerung dieser Risikofaktoren führen zu einer entsprechenden Prognoseverbesserung.

Auf dem letzten Kongress der Europäischen Kardiologiegesellschaft in Paris wurde zum Beispiel eine Meta-Analyse mit fast 845.000 eingeschlossenen Probanden vorgestellt: Moderate bis hohe körperliche Aktivität stehe in einem Zusammenhang mit einem geringeren Sterberisiko bei akutem Herzinfarkt. Das betone die Bedeutung von Bewegung in der Primärprävention, bestärke aber auch die These, dass Menschen, die sich regelmäßig sportlich betätigen, bei einem Herzinfarkt bessere Überlebenschancen haben. (Quelle: Hansen; Physical activity as a predictor for instant death in myocardial infarction)

Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger zum Thema Herzgesundheit. (c) B&K/ APA-Fotoservice/ Rastegar
Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Altenberger: „Viel zu oft bleiben leicht beherrschbare Risikofaktoren für einen Herzinfarkt lange unentdeckt und unbehandelt.“

Einfache Maßnahmen zur Prävention

Vier einfache Maßnahmen reichen aus, um einen Großteil der Herzinfarkte zu verhindern: Nikotinkarenz, regelmäßige Bewegung (5 x pro Woche zumindest 30 Minuten), gesunde Ernährung und Vermeidung von chronischen Stressfaktoren. Die Änderung des Lebensstils ist allerdings eine große Herausforderung.

Effektive Primärprävention setzt dabei bereits bei Kindern an und schließt Schulessen, Wissen über Kalorien sowie tägliche Bewegung ein. „Der Bereich Digital Health Care im Sinne von durchdachten, zielgruppenorientierten und gut aufgesetzten telemedizinischen Anwendungen wird künftig einen besonderen Stellenwert bekommen“, sagte Prim. Altenberger. „Etwa durch die Nutzung des Smartphones zur Vermittlung von Aspekten der Gesundheitsförderung an Jugendliche.“

„Außerdem müssten die Menschen ihre persönlichen Risikofaktoren wie hohe Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterinwerte kennen, damit sie bei Bedarf gegensteuern können,“ so Prim. Altenberger.

Sekundärprävention – schlimmeren Schaden vermeiden

Auch in der Sekundärprävention gilt es, das Rauchen aufzugeben, das Gewicht zu reduzieren und körperlich zu trainieren, um nach dem Auftreten zum Beispiel eines Herzinfarkts schlimmeren Schaden zu vermeiden. Die Einnahme von Medikamenten kann erforderlich sein, in der Regel lebenslang. Dabei kann die Unterstützung durch moderne Info-Technik hilfreich sein.

„Wir haben kürzlich im Rehabilitationszentrum Großgmain der PVA eine eigene Reha-App für Menschen nach einem Herzinfarkt entwickelt, die daran erinnert, die Medikamente einzunehmen, das Körpergewicht festzustellen, den Blutdruck zu messen, sich an die Bewegungsvorgaben zu halten, etc. Ein System mit den Ampelfarben grün, gelb und rot signalisiert den Anwendern, wo sie stehen und wo sie besser werden müssen“, berichtete Prim. Altenberger. „Wir testen dieses System gegenwärtig im Rahmen einer Studie mit 300 TeilnehmerInnen von drei Standorten und werden die Ergebnisse schon bald vorstellen können.“

Rahmenbedingungen konkurrenzfähig machen

„Es geht in der medizinischen Versorgung sowohl um Qualität, als auch um Quantität. Kriterium für eine gute Gesundheitsversorgung ist also nicht nur hohe ärztliche Expertise, sondern auch ein ausreichendes Maß an Ressourcen„, führte Dr. Johannes Steinhart (Vizepräsident der Österreichischen und der Wiener Ärztekammer, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte) aus. „Im Zentrum steht dabei die Ressource Ärztin und Arzt.“

In Österreich gibt es derzeit insgesamt 743 Kardiologen. In 10 Jahren werden 38 Prozent das Pensionseintrittsalter erreicht haben. Der mittelfristige jährliche Nachbesetzungsbedarf liegt bei mindestens 27,8 Kardiologen pro Jahr. Das ist die Anzahl benötigter zusätzlicher Ärzte, um altersbedingte Abgänge auszugleichen. Nicht eingerechnet ist hier ein steigender Bedarf infolge von demografischen Veränderungen.

In der besonders versorgungsrelevanten Gruppe der GKK-Kardiologen wird jeder Zweite in den kommenden 10 Jahren das Pensionseintrittsalter erreichen. Dr. Steinhart: „Die Altersverteilung heute im Vergleich mit vor 10 Jahren zeigt in dieser Gruppe eine deutliche Alterung, aber auch, dass ein zahlenmäßig ausreichender Nachwuchs fehlt.“

MR Dr. Johannes Steinhart zum Thema Herzgesundheit. (c) B&K/ APA-Fotoservice/ Rastegar
MR Dr. Johannes Steinhart: „Die Kardiologie wird wohl aufgrund der Bevölkerungs-Entwicklung und der Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Alter auch weiterhin wachsen. Diese Entwicklung muss man auch bezüglich des ausreichenden Nachwuchses im Auge behalten.“

Schlussfolgerungen aus den aktuellen Zahlen

Aus diesen Zahlen ergeben sich laut Steinhart eine Reihe von Schlussfolgerungen:

  • Es müsse für ausreichend ärztlichen Nachwuchs in der Kardiologie gesorgt werden. Hier seien nicht nur die Gesundheitspolitik gefordert, sondern auch die Bildungspolitik, die Länder und die Krankenhausbetreiber. Sie müssen für genügend geeignete Kardiologie-Ausbildungsstellen sorgen.
  • Im Bereich der niedergelassenen Kassen-Kardiologen müssten die beruflichen Rahmenbedingungen wieder so attraktiv gestaltet werden, dass Kardiologen gerne eine Kassenarztpraxis betreiben. Der aktuelle Trend hin zum Wahlarzt zeige sehr klar, dass diese Attraktivität ganz offensichtlich nicht gegeben ist.
  • Zur wirksamen Entlastung der Krankenhäuser müsse der niedergelassene kardiologische Bereich deutlich ausgebaut werden. Das sei ökonomischer, wohnortnäher und patientenfreundlicher.
  • Kardiologen seien international sehr nachgefragt, und Österreich müsse in diesem Wettbewerb bestehen können. Denn wenn bei uns die Rahmenbedingungen nicht mithalten können, darf sich niemand wundern, wenn Kardiologen abwandern.

„Was die Sozialversicherungen und die Gesundheitspolitik generell betrifft, so befinden wir uns gegenwärtig in einer Umbruchphase„, sagt Dr. Steinhart. „Solche Perioden der Veränderungen eröffnen auch Chancen. Eine dieser Chance besteht in der Modernisierung und Vereinheitlichung des kassenärztlichen Leistungskataloges, der sich über Jahrzehnte auf regionalen Ebenen oft recht uneinheitlich entwickelt hat. Unser Ziel ist ein einheitlicher Leistungskatalog für ganz Österreich, damit allen Menschen das Gleiche angeboten werden kann und Kassenleistungen nicht vom Zufall der Wohnadresse abhängen.“

(Bilder: Pixabay.com, B&K/ APA-Fotoservice/ Rastegar (3x))

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