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Mikrobiom – wie kleinste Organismen auf Körper und Psyche wirken

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Das Mikrobiom des Menschen ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Körper, die vielschichtig mit dem Körper interagieren. Wenngleich genetisch beeinflusst, kann es wesentlich durch Ernährung, Bewegung und Lebensstil modifiziert werden. Experten der Medizinischen Universität Graz – sie sprachen mit Dr. Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute [f.eh] – appellierten dementsprechend beim fünften „f.eh live im Talk“[*], sich abwechslungsreich zu ernähren, ausreichend zu bewegen und auf das Gewicht zu achten, da Normalgewichtige die höchste Diversität im Mikrobiom aufweisen.

Warum das wichtig ist und was es generell mit dem Mikrobiom auf sich hat, lesen sie hier. Ebenso, wie eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung und Sport ein diverses Mikrobiom fördern und welche Auswirkungen die Corona-Krise bzw. die dadurch bedingte soziale Isolation auf unser Mikrobiom hat.

Ernährungsumstellungen wirken sich rasch auf unser Mikrobiom aus

„Studien belegen, dass sich Ernährungs- und Umgebungsumstellungen sehr rasch auswirken, etwa bei Menschen, die von Europa nach Ostasien reisen. In nur wenigen Tagen gab es deutliche Änderungen bei der Zusammensetzung des Mikrobioms“, so Univ.-Prof. Dr. Peter Holzer vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie.

„Das heißt aber nicht, dass das Mikrobiom labil ist. Denn nach der Rückkehr stellt es sich schnell um und passt sich wieder der früheren Zusammensetzung an.“

Wichtig sei vor allem, so Priv.-Doz. DDr. Sabrina Mörkl von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, dass es eine große Vielfalt im Mikrobiom gibt. „Jedes Probiotikum ist nur so gut, wie die Unterlage, auf die es fällt. Soll heißen: Hintergrund von Supplementen, sprich Nahrungsergänzungsmitteln, sollte immer auch eine gesunde Ernährung sein.“ Erfreulich ist für die Experten daher, dass Studien ein insgesamt ausgewogeneres und frischeres Essen während der Corona-Krise belegen.

Paradeiser, Gurkenscheiben, Petersilie – darüber schwappt frisches Wasser, Stichwort Mikrobiom.
(c) Pixabay.com
Corona-Krise hin oder her: eine gesunde und vitaminreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist «immer» wichtig.

Corona-Krise wirkt[e]auch auf das Mikrobiom

Die Corona-Krise und der Shutdown haben sich auch auf das Mikrobiom ausgewirkt – allerdings nicht nur positiv, so die Experten. „Die Diversität im Mikrobiom wird sich verringert haben und das Immunsystem hat weniger Training durch Sozialkontakte und Bewegung gehabt. Wenn wir diese Aspekte einschränken, haben wir eine veränderte Immunantwort. Daher ist es sicher zuträglich, in nächster Zeit wieder mehr Sozialkontakte zu haben, rauszugehen und Sport und die Natur zu genießen„, unterstreicht Mörkl.

Erste Ergebnisse einer Studie zu den Auswirkungen der Pandemie zeigen auch, dass Ängstlichkeit und Depressivität steigen. Kompensationsmechanismen durch die Ernährung wirken sich wiederum auf das Mikrobiom und die Gesundheit aus.

Diversität im Mikrobiom beeinflusst auch das Gehirn

Der aktuelle Forschungsstand zum Mikrobiom lässt noch keine Aussagen über die Kausalzusammenhänge mit den Vorgängen im Gehirn oder gar therapeutische Konsequenzen bei psychiatrischen Erkrankungen zu. „Bekannt ist, dass es eine sehr komplexe Informationsmaschinerie zwischen Darm und Gehirn gibt und es in beide Richtungen geht“, betont Holzer. „Aber es gibt zum Beispiel Hinweise, dass Signale aus dem Darmmikrobiom ins Hirn gelangen und dort Funktionen, Stimmungslagen und auch Lernen und Gedächtnis beeinflussen. Und es gibt eine Vielzahl an metabolisch aktiven Mikroben, die auf das Immunsystem, Darmhormone und Nerven einwirken, selbst ins Blut gelangen und somit Funktionsänderungen herbeiführen können.“

Auch mit der Psyche wurden bereits Korrelationen nachgewiesen, wie Mörkl sagt: „Leidet ein Mensch an psychischen Krankheiten, geht das meist mit einem inneren Artensterben, also einer niedrigen Vielfalt im Mikrobiom, einher. Man kann also von einem Dreieck aus Ernährung im Alltag, psychischer Befindlichkeit und dem Darmmikrobiom sprechen.“

Nicht empfehlen würden die Experten in diesem Zusammenhang Darmreinigungen. „Wir können aktuell anhand wissenschaftlicher Evidenz keinen großen Nutzen daraus ableiten. Der Darm ist natürlich ausgerichtet, sich selbst zu reinigen. Wichtiger ist eine Ballaststoffreiche Ernährung„, so Mörkl.

Illustration: das Profil zweier Köpfe, die einem Menschen mit ausgestreckten Armen zugewandt sind.
(c) Pixabay.com
Ein Ungleichgewicht unseres Mikrobioms kann sich auch auf unsere Psyche auswirken.

Hintergrundinformation: das Mikrobiom

Das menschliche Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen – Bakterien und Pilze –, die unseren Körper besiedeln. Mikrobiome können das Immunsystem, den Stoffwechsel und das Hormonssystem beeinflussen. Schätzungen zu Folge werden Erwachsene von zirka 39 Billionen Mikroorganismen besiedelt. Die meisten davon leben im Darmtrakt [Darmflora].

Beispiele für weitere Mikrobiome des Menschen sind die Mikroorganismen, die Haut, Nase, Rachen oder Vagina besiedeln. Verschiebt sich das Gleichgewicht in der Besiedlung, sprich wenn es von der Normalflora abweicht, können sich dadurch körperliche und/ oder psychische Erkrankungen manifestieren.

Service: Weitere Veranstaltung zum Thema Psychologie beim Essen

Am 4. Juni 2020 unterhält sich Dr. Marlies Gruber um 16:00 Uhr mit Univ.-Prof. Dr. Arnd Florack vom Institut für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Wien, über „Genuss in der Krise: Die Psychologie beim Essen„. Sie beleuchten unter anderem emotionale Aspekte des Essens und wie es generell ums Genießen steht.

Die Teilnahme am Webinar ist kostenfrei und steht auch auf der Seite forum-ernaehrung.at/live-im-talk zur Nachschau zur Verfügung.

(Bilder: Pixabay.com)

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