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Pflegepersonal: das Schweizer Modell und was Ö daraus lernen kann

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Im Zentrum der aktuellen Debatte zur Reform der Pflege in Österreich steht die Frage nach dem Personal. Sozialminister Rudolf Anschober und die türkis-grüne Bundesregierung wollen dem akuten Mangel an Pflegekräften mit einer Reihe von Maßnahmen entgegentreten – darunter eine „Erweiterung und Flexibilisierung des Ausbildungsangebots“. Der entsprechende Ministerratsbeschluss zu einem Schulversuch in der Pflegeausbildung [HLA] ist ein erster wichtiger Vorstoß in diesem Zusammenhang. Weitere müssen folgen.

Österreichs Nachbar Schweiz stand Mitte der 2000er Jahre vor ähnlichen Problemen – und ergriff Gegenmaßnahmen auf breiter Front. Urs Sieber ist Geschäftsführer der Nationalen Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit „OdASanté„, die das „Schweizer Modell“ mitentwickelt hat – von Lehrberufen im Pflegebereich bis zur Durchlässigkeit der Ausbildung. Er informiert über „sein“ Modell und zeigt gemeinsam mit Hilfswerk-Geschäftsführerin Elisabeth Anselm auf, worin sich Österreich ein Vorbild an der Schweiz nehmen sollte.

Urs Sieber, GF der Schweizer Nationalen Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit „OdASanté“. (c) Stefan Marthaler
Urs Sieber gibt Einblicke in das „Schweizer Modell“ der Ausbildung in der Pflege.

Die Ausgangssituation in Österreich

Wer wird künftig die Pflegearbeit leisten? Mit der Beantwortung dieser Frage steht und fällt die Zukunft des Pflegesystems – und der Erfolg seiner Reform. Denn die Gewinnung und Bindung von Personal für die Pflege ist eine komplexe Herausforderung, die vielfältige Maßnahmen verlangt. Etliche davon – insbesondere die Ausbildung betreffend – haben einen erheblichen Vorlauf, ehe sie auf dem Arbeitsmarkt wirksam werden. Es ist also keine Zeit zu verlieren.

Der demographische Wandel wird die schon heute problematische Personalsituation in der Pflege extrem zuspitzen. So geht etwa die Gesundheit Österreich GmbH [GÖG] von folgenden Zahlen aus: Allein bis zum Jahr 2030 benötigt die Langzeitpflege in Österreich rund 75.000 zusätzliche Pflegestellen. Und schon ab 2024 wird der zusätzliche Bedarf nicht mehr durch die prognostizierten jährlichen Absolventenzahlen zu decken sein. Was ist also zu tun?

Vorbild Schweiz – Ist das die Lösung des Problems „Pflegenotstand“?

Dass eine positive Veränderung der Personalsituation in den Pflege- und Sozialberufen möglich ist, beweist die Schweiz. Bereits vor über einem Jahrzehnt setzte sie Maßnahmen, die eine nachhaltige Stabilisierung der Personalsituation in der Pflege bewirkten. In österreichischen Debatten zur Pflege­ausbildung dienen die meist oberflächlichen Verweise auf das „Schweizer Modell“ dazu, eine „Pflegelehre“ pauschal abzulehnen, ohne über ihre mögliche Ausgestaltung nachzudenken.

Urs Sieber ist einer der maßgeblichen Entwickler des Schweizer Modells der Ausbildung im Pflegebereich. [Siebers umfassende Darstellung der Ausbildung im Gesundheits- und Pflegebereich in der Schweiz können sie HIER im Detail nachlesen.]

Bis 2004 führte – wie in Österreich – auch in der Schweiz kein direkter Weg vom Pflichtschulab­schluss in die Pflegeausbil­dung, die damals zwei Berufsbilder mit unterschiedlichem fachlichem Profil anbot: Pflegeassistent*in und Diplompfleger*in. Die Nachfrage hielt sich in Grenzen, der Bedarf an Pflegefachkräften konnte nicht abgedeckt werden.

2004 trat in der Schweiz ein neues Berufsbildungsgesetz in Kraft, das die berufliche Grundbildung, die höhere Berufsbildung und die berufsorientierte Weiterbildung für sämtliche Berufsbereiche außerhalb der Hochschulen regelt. Zwei neue Berufe entstanden. Die dafür notwendigen Qualifi­kationen können in einer dualen Ausbildung nach dem Abschluss der Schulpflicht erworben werden:

  • Assistent*in Gesundheit und Soziales
  • Fachfrau*mann Gesundheit

Ausbildung im Pflegebereich ab 15 Jahren – geht das?

Auch in der Schweiz hat der Schutz Jugendlicher vor Gefahren am Arbeitsplatz Priorität und ist daher strengen gesetzlichen Regelungen unterworfen. Dazu zählt auch der Schutz vor psychisch überbeanspruchenden Situationen [zum Beispiel Pflege von Personen in kritischen Zuständen]oder gesundheitsgefährdenden Agenzien [Körperflüssigkeiten, nicht desinfizierte Wäsche, etc.].

Arbeitgeber gewährleisten, dass Jugendliche im Rahmen ihrer Ausbildung von befähigten, erwachsenen Personen ausreichend und angemessen informiert und angeleitet werden, um Schritt für Schritt an diese Situationen herangeführt zu werden. In den Anfangsmonaten der Lehrzeit beschränken sich die Arbeiten auf administrative und organisatorische Bereiche [zum Beipsiel Speiseplan erstellen, Mahlzeiten vorbereiten, Betten machen, unterstützende Zuarbeit, etc.].

Die Hand einer alten Person neben einem Notfallknopf auf einer Aufsetzhilfe. (c) Pixabay.com
Grundsätzlich gilt: keine belastende Situation ohne vorangegangene spezifische Ausbildung!

Lehrberuf als Einstieg in Fachkarrieren

Wer die Lehre zum Fachmann oder zur Fachfrau Gesundheit abschließt, kann beispielsweise im Beruf bleiben oder die verkürzte Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau oder zum diplomierten Pflege­fachmann an einer Höheren Fachschule antreten [zwei statt drei Jahre]. Bei der Höherqualifizierung gilt das Prinzip: Eine Kompetenz wird nur einmal erworben. Die Ausbildungsstufen sind in Bezug auf die Kompetenzen aufeinander abgestimmt.

„In den vergangenen Jahren konnte die Zahl der Absolventinnen und Absolventen von Ausbildungen im Bereich der Pflege weiter gesteigert werden. Waren es 2012 noch ungefähr 7.000, fassen 2020 voraussichtlich 11.000 neue, in der Schweiz ausgebildete Gesundheitsfachleute aus den Bereichen Pflege, Therapie und Medizintechnik Fuß in der Arbeitswelt. Damit kommen wir der Branchenvision, möglichst viele Fachkräfte in der Schweiz auszubilden, näher. 4.500 neu ausgebildete Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit werden 2020 auf den Arbeitsmarkt kommen“ informiert Urs Sieber.

Österreichs Ausbildungssystem für Pflegeberufe reformieren

Das heimische Ausbildungssystem für Pflegeberufe bietet aktuell folgende Ausbildungswege an:

A) Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege ab dem 17. Lebensjahr [ohne Matura]

  • einjährig ==> Pflegeassistenz
  • zweijährig ==> Pflegefachassistenz
  • dreijährig ==> DGKP [Diplomierte*r Gesundheits- und Krankenpfleger*in – auslaufend nur noch bis 31. Dezember 2023]

B) Fachhochschulen

  • dreijähriges Bachelorstudium ==> DGKP

C) NEU: Schulversuch Höhere Lehranstalt für Pflegeberufe [HLA], ab dem Schuljahr 2020/ 2021


Wo es im heimischen Ausbildungssystem hapert

„Das gegenwärtige österreichische Ausbildungssystem ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems„, meint Hilfswerk-Geschäftsführerin Anselm. Das Problem liege insbesondere in der langen Wartezeit zwischen dem Abschluss der Pflichtschule [9. Schulstufe/ 15 Jahre] und dem Beginn der Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege mit 17 Jahren. Dadurch entsteht eine „Lücke“, in der laut Hilfswerk jedes Jahr eine Vielzahl interessierter junger Menschen verloren geht, weil sie verständlicher Weise nicht zuwarten möchten.

Weitere Interessenten*innen gehen verloren, weil sie keine Möglichkeit vorfinden, die Berufsaus­bildung mit einer Matura zu verbinden. In diesem Zusammenhang wurde mit dem Ministerratsbe­schluss vom 15. Jänner 2020 ein Schulversuch auf den Weg geschickt, um hier Abhilfe zu schaffen. Dieses Vorhaben wird generell sehr positiv gesehen. Jetzt komme es allerdings darauf an, dass der Schulversuch beherzt umgesetzt wird, Politik und mutige Träger die Sache vorantreiben und möglichst bald in der Breite ausrollen.

Eine Option, die für viele Pflichtschulabsolventen*innen ebenfalls fehlt, ist die einer dualen, betrieb­lichen Ausbildungsmöglichkeit, einer „Lehre“, als Einstieg in den Beruf nach der Pflichtschulzeit. Diese Jugendlichen sind oft eher praktisch veranlagt, möchten nicht länger die Schulbank drücken und/ oder müssen bzw. wollen ein Einkommen mit ihrer Ausbildung verbinden. Auch diesbezüglich ist im Regierungsprogramm ein positives Bekenntnis zu finden. Nun geht es um die Klärung der Umsetzung.

Das Gesicht einer alten Frau mit Brille. (c) Pixabay.com
Quo Vadis Pflegeausbildung? Damit es in den nächsten Jahren nicht zu einem Pflegenotstand kommt, braucht es jetzt richtungsweisende Entscheidungen und Maßnahmen.

Gegenstrategien nach Schweizer Vorbild

„Ein Ausbildungsmodell, das binnen weniger Jahre die Zahl der Ausbildungsabschlüsse im Pflege­bereich verdoppelt, hat seine Praxistauglichkeit bewiesen und sollte uns in Österreich Mut machen, daraus zu lernen und ähnliche Wege zu beschreiten„, meint Anselm. Die duale Ausbildung im Pflegebereich sei ein Erfolgsmodell in der Schweiz, sie werde von interessierten Jugendlichen in der Schweiz gut bewertet und gerne angenommen, und sie leiste einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des Personalbedarfs.

Dem in der Diskussion oft angeführten und wichtigen Gebot des Schutzes junger Auszubildender bis zum 17. Lebensjahr vor inadäquaten Belastungen kann den Erfahrungen in der Schweiz folgend gut und ausreichend entsprochen werden. Nämlich durch entsprechende Gestaltung der Curricula, durch adäquate Information und Anleitung seitens der Lehrbetriebe sowie durch umfassende, gesetzlich verankerte Arbeitsschutzbestimmungen.

Für das Hilfswerk Österreich ist eine Umgestaltung der heimischen Ausbildungslandschaft ein Gebot der Stunde. Auch für Pflege- und Gesundheitsberufe braucht es anschlussfähige, durchlässige, unterschiedliche Karriereoptionen, Zu- und Umstiege ermöglichende Ausbildungsangebote, wie sie für andere Berufsfelder gang und gäbe sind.

Die Schweiz hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, die Ausbildung im Pflegebereich an die Stelle Zwei im Ranking der beliebtesten Lehrberufe zu bringen. Würde das Schweizer Modell hierzulande mit ähnlichem Erfolg umgesetzt, könnte Österreich mit fast 7.000 zusätzlichen Einsteiger*innen pro Jahr in den Pflegeberuf rechnen – 7.000 Menschen, die für Entlastung im System sorgen würden. „Fragt man Pflegekräfte, was sie am dringendsten benötigen, dann hört man regelmäßig: Mehr Kolleginnen und Kollegen, bitte„, so Anselm.

Urs Sieber, GF der Schweizer Nationalen Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit und Elisabeth Anselm, GF des Hilfswerk Österreich. (c) Martin Lengauer
Elisabeth Anselm, hier im Bild mit Urs Sieber, ist davon überzeugt, dass wir künftig an Pflegeberufen interessierte Menschen dort abholen müssen, wo sie stehen. „Diesem Vorhaben müssen wir uns vorbehaltlos und unideologisch nähern. Auch in Österreich.“

Was über das „Schweizer Modell“ nicht gesagt wurde

Die Vorteile und Erfolge des Schweizer Modells betreffend Pflegelehre hören sich – zumindest in der Theorie – sehr passabel an. Allerdings sind – laut Österreichischem Gesundheits- und Krankenpflegeverband [ÖGKV] – für die Übertragung nach Österreich zwingende Voraussetzungen nicht gegeben:

  1. Die für das Jahr 2020 erwarteten 4.500 Pflegelehre-Abschlüsse in der Schweiz, sehen auf den ersten Blick gut aus. Dem gegenüber steht allerdings eine Drop Out-Quote von 50-60 Prozent.

  2. Die Personalressourcen, die für die praktische Ausbildung Voraussetzung sind, nämlich Angehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheit- und Krankenpflege, sind aktuell in Österreich nicht vorhanden. Die anleitende Unterstützung in der praktischen Ausbildung durch den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege würde zusätzlich Personalressourcen abziehen. Dies würde zu Lasten der Patienten und Patientinnen gehen.

  3. Bisher war die große Mehrzahl von Schweizern, die die Pflegelehre gewählt haben, bei Ausbildungsantritt 16 Jahre alt oder am zweiten Bildungsweg.

  4. In der Schweiz wird die Pflegelehre auf gleichem Niveau wie technische Lehren entlohnt.

  5. Die aktuellen Regelungen des Jugendschutzes in Österreich umfassen die Anforderungen einer Pflegelehre nicht.

„Diese weitere Fragmentierung des Ausbildungsangebotes für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe schafft Unsicherheit in der bestehenden Bildungslandschaft und stellt keine nachhaltige und zukunftsorientierte Lösung dar“, stellt ÖGKV Präsidentin Ursula Frohner fest.

(Bilder (v.o.n.u.): Pixabay.com, Stefan Marthaler, Pixabay.com (2x), Martin Lengauer)

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