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Polypharmazie – ab fünf Medikamenten Vorsicht vor Übertherapie

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Je älter man wird, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass es hier mal zwickt und dort mal drückt und kleinere Wehwehchen häufiger und intensiver werden. Je nach Schwere der Krankheit nimmt man dann schon mal die eine und andere Tablette bzw. muss ohnehin zum Arzt/ zur Ärztin, um sich untersuchen zu lassen. Und dann passt vielleicht auch noch der Blutdruck nicht, oder die Cholesterinwerte sind zu hoch, oder die Verdauung macht Probleme – und schon werden einem zusätzlich zwei oder drei Medikamente verschrieben, Stichwort Polypharmazie. Davon spricht man nämlich, wenn man fünf oder mehr Arzneimittel einnehmen muss, was mitunter gar nicht so ungefährlich ist.


Viele Krankheiten – viele Medikamente: Polypharmazie

Mit steigendem Lebensalter – nicht zuletzt aufgrund unserer ausgezeichneten medizinischen Versorgung – erhöht sich das Risiko, mehrere Erkrankungen gleichzeitig zu entwickeln. Da jede einzelne Erkrankung mit eigenen Medikamenten behandelt wird, führt dies häufig dazu, dass gerade Seniorinnen und Senioren eine Vielzahl verschiedener Medikamente Tag für Tag einnehmen – was durchaus eine große Herausforderung ist.

Denn nicht alle Medikamente sind ohne weiteres mit anderen kombinierbar. Die Folge sind Neben- und unerwünschte Wechselwirkungen. Daher sollte man unbedingt regelmäßig seine Medikamentenliste überprüfen und – nach Rücksprache mit seinem Arzt/ seiner Ärztin – Medikamente gegebenenfalls reduzieren oder absetzen, um Risiken zu minimieren.

EXKURS
Obwohl es in der Wissenschaft und in der internationalen Fachliteratur keine einheitliche Begriffsdefinition von Polypharmazie gibt, wird in der Regel davon gesprochen, wenn man fünf oder mehr Arzneimittel gleichzeitig einzunehmen hat. Dabei wird zwischen angemessener [appropriate] und unagemessener [inappropriate]Arzneimitteltherapie unterschieden.

Eine unangemessene Arzneimitteltherapie stellt für die Patientin/ den Patienten insgesamt mehr Risiko als Nutzen dar und umfasst im Wesentlichen die Verordnung von klinisch nicht indizierten Arzneimitteln [overprescribing], das Vorenthalten notwendiger Arzneimittel [underprescribing]sowie eine suboptimale Therapie in Bezug auf Dosis, Interaktionspotenzial und Therapiedauer [misprescribing].

Demgegenüber steht die angemessene Arzneimitteltherapie, das heißt die therapeutisch notwendige und sinnvolle Verabreichung mehrerer Medikamente zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit multiplen Erkrankungen.

So besteht beispielsweise bei der Einnahme von zehn Medikamenten ein 90-prozentiges Risiko für eine Arzneimittelinteraktion, wobei die Nebenwirkungsrate bei Frauen grundsätzlich höher ist als bei Männern. Das liegt vermutlich daran, dass die Dosen für Frauen a priori zu hoch sind. Außerdem kommt es bei Frauen auch häufiger zu immunologischen Reaktionen als bei Männern.

Untersuchungen haben auch gezeigt, dass sich bei Polypharmazie ein kontinuierlicher Verlauf zeigt. Oder anders formuliert: Je älter die Patienten, umso mehr Medikamente werden eingenommen. So nehmen rund zwölf Prozent der 50- bis 59-Jährigen sechs bis zehn verschiedene Medikamente zu sich, während es bei den 70- bis 79-Jährigen fast 30 Prozent sind. Zwei Prozent der 50- bis 59-Jährigen nehmen sogar elf bis 15 Wirkstoffe ein, bei den über 90-Jährigen sind es sogar mehr als zehn Prozent.

Medikamentenspender für eine Woche, Stichwort Polypharmazie.
(c) Pixabay.com
Gerade Seniorinnen und Senioren müssen oft eine Vielzahl verschiedener Medikamente Tag für Tag einnehmen.

Welche Neben- und Wechselwirkungen sind möglich?

Natürlich werden Medikamente grundsätzlich verabreicht, um den Patient•innen und ihrer Gesundheit Gutes zu tun. Doch Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel der Krankenhaus-Aufnahmen von alten Menschen mit mehreren Erkrankungen auf einen unverträglichen Medikamentenmix zurückzuführen ist. Dabei ist anzumerken, dass es durchaus auch strukturelle Gründe hat, warum Patient•innen eine Vielzahl an Medikamenten verordnet bekommen. Die Medizin arbeitet sehr spezifiziert, jeder Arzt und jede Ärztin kennt vor allem sein/ ihr Spezialgebiet und sieht [leider] kaum auf das medizinische Ganze. Oft weiß ein Arzt/ eine Ärztin auch nur sehr vage, welche Medikamente seine Patienten aufgrund anderer Erkrankungen einnehmen.

Vereinfacht gesagt gilt hier der Spruch: “Viele Köche verderben [auch in der Medizin]den Brei.” Und dazu kommt auch noch, dass viele Ärzte zudem Meister im Verschreiben von Medikamenten sind, aber Anfänger im Absetzen derselben.

Sehr oft verursacht Polypharmazie unspezifische bis hin zu durchaus schwerwiegenden Beschwerden. Dazu gehören unter anderem: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, Verwirrtheitszustände, Zittern, Funktionsstörungen der Blase bis hin zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt oder [schweren] Stürzen. Oft werden diese Symptome aber nicht als direkte Nebenwirkungen von Medikamenten erkannt und mit weiteren zusätzlichen Medikamenten behandelt.

Bei unerklärlichem Auftreten von Stürzen, verminderter Denkfunktion, Verwirrtheit, Benommenheit, Magen-Darm-Erkrankungen und/ oder kardiologischen Problemen sollte man daher in jedem Fall auch die Medikamentenliste überprüfen und nach Möglichkeit und Rücksprache Medikamente reduzieren oder ganz absetzen. Letztlich hat jede und jeder selbst oft ein gutes Gefühl dafür, welches Medikament er/ sie nicht mehr benötigt. Das sollte man unbedingt mit seinem Arzt/ seiner Ärztin besprechen, diese•r hat die nötige Sachexpertise, um gemeinsam Veränderungen zu besprechen.

Überblick verschaffen

Um überflüssige Medikamente zu identifizieren, gilt es zunächst einmal, sich einen Überblick zu verschaffen

  • an welchen Krankheiten leidet ein Patient/ eine Patientin;

  • welche Medikamente werden tatsächlich jeden Tag eingenommen [auch rezeptfreie Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Teemischungen etc.];

  • passen all diese Präparate zusammen.

Besteht auch nur der geringste der Verdacht auf Neben- und/ oder Wechselwirkungen, muss man ganz genau hinsehen und fragen, was tatsächlich alles zu sich genommen wird. Die Erfahrung zeigt, dass es bei der Überprüfung der Medikamente oft vorkommt, dass man gar nicht mehr weiß, warum man manche einnimmt, wer sie verordnet hat und wo man sie überhaupt her hat.

Nutzen muss im Vordergrund stehen

Die meisten Medikamente sind nicht für alte Patient•innen maßgeschneidert, sondern auf Menschen in mittlerem Alter getestet. Und dass, obwohl je älter ein Patient bzw. eine Patientin ist, desto empfindlicher es/ sie in der Regel auf Medikamente reagiert.

Der überprüfende Arzt/ Ärztin sollte sich auch die grundsätzliche Frage stellen, ob all die verordneten Medikamente wirklich [noch]notwendig sind. So ist es zum Beispiel bei einem 90-Jährigen fraglich, ob ihm eine deutliche Cholesterinsenkung wirklich noch nützt – was man mutmaßlicher Weise nur in bestimmten Fällen bejahen wird können. Man muss sich bei der Verschreibung von Medikamenten fragen, ob ein alter Patient/ eine alte Patientin wirklich noch von der Einnahme profitiert oder ob man manche weggelassen kann bzw. muss man manche sogar weglassen, will man Patienten vor Schaden bewahren.

Das gilt unter anderem für den Blutdruck: Dieser wird bei alten Menschen oft sehr stark nach unten reguliert, wodurch es zu Apathie und Bewusstlosigkeit kommen kann. Das kann letztlich dazu führen, dass der Patient bzw. die Patientin zwar ein gut funktionierendes Herz hat, aber wegen Schwindel bettlägerig wird.

Verschwommener Blick nach oben zu Baumkronen, Stichwort Schwindel.
(c) Pixabay.com
Gerade bei Blutdruckmedikamenten muss man ganz genau hinschauen bzgl. Verträglichkeit und etwaigen Wechsel- und Nebenwirkungen im Zusammenhang mit anderen Medikamenten.

Gefährliche Medikamente

Folgende Medikamente können hochgefährliche Nebenwirkungen haben und sollten daher auf jeden Fall regelmäßig hinsichtlich Dosierung und genereller Notwendigkeit überprüft werden:

  • Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen.

  • Herz-Kreislauf-Medikamente
    Herz-Kreislauferkrankungen sind Todesursache Nummer eins, die Therapie auch mittels Medikamenten daher äußerst wichtig. Jedoch muss die Therapie sehr sorgfältig erfolgen, da sie sich sehr empfindlich auf die Durchblutung des Gehirns auswirkt.

  • Psychotrope Substanzen
    Beruhigungsmittel, Schlafmittel und Antidepressiva – Beruhigungs- und Schlafmittel sind in einer akuten Krise meist hilfreich, doch langfristig sind sie problematisch. Manche Präparate haben Suchtpotential; die Einnahme mehrerer solcher Präparate kann stark sedierend wirken und den Patienten/ die Patienten völlig antriebslos machen; auch kann es zu Stürzen kommen; langfristig kann die Gehirnfunktion beeinträchtigt werden. Psychopharmaka können zu Austrocknung führen und ein Delirium begünstigen. Häufig werden Medikamente eingenommen, ohne dass tatsächlich eine Depression vorliegt.

Folgende Kombinationen von Erkrankungen und deren Medikation führen oft zu Problemen:

  • Herzschwäche und Probleme mit dem Bewegungsapparat [Rheumamedikamente]

  • Magen-Darm-Erkrankungen und Herzerkrankungen

  • Parkinson und Verwirrtheit

Bei Polypharmazie sollte man schließlich auch immer die Nierenfunktion im Auge behalten und prüfen. Bei einer Funktionsstörung bzw. eingeschränkt arbeitender Niere werden eingenommene Medikamente im Körper toxisch und es kann dadurch zu Blutungen kommen.

Einnahmefehler vermeiden

Alte Menschen sind mit der Medikamenteneinnahme oft überfordert. Je mehr Medikamente eingenommen werden [müssen], desto öfter passieren Einnahmefehler bzw. desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass welche passieren. Man sollte daher [auch]darauf achten, ob ein Patient/ eine Patientin [noch]in der Lage ist, die Medikamente zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Reihenfolge und in der richtigen Dosierung einzunehmen.

Der mutmaßlicher Weise häufigste Fehler: Man kann sich nicht mehr erinnern, ob man eine Tablette bereits eingenommen hat und nimmt dann »zur Sicherheit« noch eine – eine Vorgehensweise, aus der sehr oft Überdosierungen resultieren. Um solche Fälle zu vermeiden, kann ein Erinnerungssystem helfen und Abhilfe schaffen. Geeignet sind beispielsweise Handy-Alarmsysteme. Ersatzweise kann man natürlich auch einen “guten alten” schriftlichen Plan machen. Wenn möglich, sollten Pfleger•in und Angehörige die Patient•innen bei der Einnahme unterstützen.

(Bilder: Pixabay.com)

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