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Primärversorgung neu: Gesundheitsförderung & Prävention im Alter

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Nicht alle Menschen in Österreich – wie in anderen Teilen der Welt auch – haben die gleichen Chancen, gesund alt zu werden. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren wie beispielsweise an ihrer unterschiedlichen Gesundheitskompetenz, am Einkommen, am Geschlecht und anderem mehr. Darüber hinaus erreichen Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen nicht alle Menschen gleichermaßen.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns das Thema „Gesundheitsförderung und Alter“ in Verbindung mit den gesetzlichen Grundlagen in der „Primärversorgung neu“ näher angesehen. Gerade für alte Menschen und jene, die unter chronischen Krankheiten leiden oder multimorbid sind, bieten multiprofessionelle Teams in den neu entstehenden Primärversorgungszentren [PVZ] gute Möglichkeiten bzgl. Prävention und Gesundheitsförderung.

Das Gesicht einer alten Frau, Stichwort Prävention im Alter. (c) Pixabay.com
Und und gerade im Alter sind Gesundheitsförderung und Prävention wichtig, um so lange wie möglich selbstbestimmt und selbstständig zu Hause gesund leben zu können.

Ein Beispiel sagt mehr als 1.000 Worte

Frau Schneider, 82 Jahre alt, lebt alleine bei gutem gesundheitlichen Allgemeinzustand in ihrer Wohnung. Allerdings ist sie in letzter Zeit häufiger gestürzt, wodurch sie ängstlich geworden ist und nicht mehr so oft wie früher außer Haus geht.

Sie wendet sich telefonisch an das neue PVZ, das vor kurzem in ihrem Bezirk eröffnet wurde, um mit einer diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegeperson [DGKP] zu sprechen. Frau Schneider spricht über ihre Stürze und ihre Angst, das Haus zu verlassen. Die DGKP erfragt zusätzliche wichtige Informationen zum Sozial- und Wohnstatus von Frau Schneider sowie zu den Stürzen selbst. Im Anschluss an ihren präventiven Hausbesuch bei Frau Schneider erstellt sie einen individuellen Versorgungsplan für sie mit Empfehlungen wie „Bewegungsrezepte“ zur Förderung der körperlichen Aktivität, Tipps zur barrierefreien Gestaltung der Wohnung und Maßnahmen zur Steigerung der Selbstmanagementkompetenzen von Frau Schneider.

Die DGKP vereinbart einige Tage später einen Beratungstermin für Frau Schneider mit einer Physiotherapeutin im PVZ. Die Physiotheraeutin klärt Frau Schneider über Hilfsmittel im Alltag auf und erstellt auch einen individuellen Versorgungsplan. Frau Schneider entscheidet auf Empfehlung der Therapeutin, einen Rollator zu kaufen – zuvor wird sie im PVZ noch von einem Sozialarbeiter über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten beraten. Der Sozialarbeiter weist Frau Schneider auch auf die nächste geriatrische Konsiliarstunde hin, in der die Hausärztin Frau Schneiders Medikamentenliste gemeinsam mit einem Geriater besprechen möchte. Frau Schneider ist motiviert, sich bis dahin Gedanken darüber zu machen, was sie aktiv dazu beitragen könnte, ihre [gute]Lebensqualität zu erhalten. Als „mündige Patientin“ ist sie sich der Eigenverantwortung für ihre Gesundheit bewusst. Ganz nebenbei steigert sie dadurch ihre Gesundheitskompetenz und liefert wichtige Informationen für ihre weitere gesundheitliche Versorgung.

Die Beratung und die Empfehlungen des multiprofessionellen Teams im PVZ tragen dazu bei, dass Frau Schneider weiterhin selbstständig in ihrem Privathaushalt leben und mithilfe des Rollators im Alltag besser zurechtkommen kann. Frau Schneiders Vorteile als Patientin des PVZ: ganzheitliche Betreuung und Beratung in Wohnortnähe, Vermeidung rezidivierender Stürze, Förderung der Lebensqualität, altersgerechte Strukturen.

Ein Rollator. (c) Pixabay.com
Im PVZ können ältere Menschen auch gleich über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für Anschaffungen wie beispielsweise Gehhilfen informiert werden.

Gesundheitsförderung und Prävention im Alter

Gesundheitsförderung und Prävention spielen im österreichischen Versorgungssystem – wie in den Versorgungssystemen der meisten Länder – eine strukturell untergeordnete Rolle. Die starke Ausrichtung auf Behandlung und Therapie von Krankheiten lässt unser Versorgungssystem jedoch zunehmend an seine Grenzen stoßen: Die finanziellen Belastungen sind erheblich. Und das Krankheitsspektrum verändert sich zunehmend in Richtung chronische Krankheiten, die, weil nicht heilbar, durch kurative Interventionen nur wenig zu beeinflussen sind. Altersassoziierte Erkrankungen [insbesondere Demenz]nehmen zu und damit einhergehend, ein dauerhaftes Angewiesensein der Betroffenen auf das gesundheitliche Versorgungssystem, das Sozialsystem und ihr soziales Umfeld.

Ein modernes gesundheitliches Versorgungssystem, das in der Lage ist, Probleme, wie die hier skizzierten, zu lösen, verknüpft Gesundheitsförderung und Prävention mit Kuration und Therapie sowie Rehabilitation und Pflege in einem eng verflochtenen Gesamtsystem.

Abgeleitet davon ergeben sich vier Ziele für Gesundheitsförderung und Prävention im Alter, die [auch]für die österreichische Primärversorgung als handlungsleitend anzusehen sind:
[1] das Erhalten einer aktiven, selbstständigen Lebensführung,
[2] das Erhalten körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit,
[3] das Vermeiden körperlicher und psychischer Erkrankungen und
[4] das Aufrechterhalten eines angemessenen Unterstützungssystems.

Kompetenz zur Eigeninitiative genauso stärken wie die der Expert*innen der Gesundheitsberufe

Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen sind aussichtsreich, wenn sie sozusagen in der Gesellschaft verankert sind und von dieser mitgestaltet werden können. Die Kompetenz, auf eigene Initiative Informationen rund um die Gesundheit und Anleitungen etwa zum Umgang mit Krankheiten zu erhalten, hängt damit zusammen und gewinnt im Zusammenhang mit chronischen Krankheiten zunehmend an Bedeutung. Für Expert*innen in Gesundheitsberufen ergibt sich die Herausforderung, ihre Klient*innen auf die Eigenverantwortung als „mündige Patient*innen vorzubereiten und bei Bedarf unterstützende Leistungen anzubieten.

Beispielsweise können durch präventive Hausbesuche unentdeckte körperliche, psychische und soziale Probleme rechtzeitig erkannt werden; ein längeres Verbleiben im Privathaushalt wird gefördert, wie im Beispiel oben skizziert. Ein geradezu optimales Setting für Gesundheitsförderung und Prävention im Alter sind somit die PVZ mit besonders geschulten Gesundheitsexpert*innen. Denn gerade für die Versorgung älterer Personen sowie chronisch kranker und multimorbider Patient*innen braucht es auch besondere Kompetenzen.

In einander greifende Zahnräder mit diversen Gesundheitssymbolen. (c) Pixabay.com
Nur wenn sozusagen alle Zahnrädchen integrativ in einander greifen, ist für die Menschen eine optimale Gesundheitsförderung und Prävention möglich.

Umsetzungsvorschläge für die Praxis

Hinsichtlich der demografischen Entwicklung und der eindeutigen Präferenz der österreichischen Bevölkerung, in den eigenen vier Wänden alt zu werden, überrascht es nicht, dass die österreichische Primärversorgung der Zukunft Gesundheitsförderung und Prävention als wesentliche Aufgabenbereiche ansieht. Auf Ebene der Patient*innen erhöht eine ganzheitliche Gesundheitsförderung im Alter nachweislich die Wahrscheinlichkeit, dass ältere Menschen [65+] in guter Gesundheit und hoher Lebensqualität lange selbstständig zu Hause verbleiben können. Auf Systemebene trägt sie dazu bei, Pflegebedürftigkeit zu verringern bzw. zu verzögern und damit den prognostizierten Kostenanstieg für das Gesundheits- und Sozialsystem zu dämpfen.

Ein Blick über den österreichischen Tellerrand zeigt, dass die am besten entwickelten und akzeptierten Primärversorgungssysteme Europas in England, den Niederlanden sowie in Finnland zu finden sind. Allen gemein ist, dass PVZ eine allgemein leicht zugängliche Kontaktstelle für Menschen mit gesundheitlichen Problemen im Sinne einer umfassenden Grundversorgung sind, in denen multiprofessionelle Teams tätig sind. Wichtige Elemente der Primärversorgung sind die Koordination von Leistungen, eine kontinuierliche Versorgung, moderne Kommunikationsmethoden, Stichwort E-Terminvereinbarung oder Telemedizin, und aufsuchende Dienste.

Vor allem die Angebote von präventiven Hausbesuchen, aufsuchender Beratung und Telemedizin der europäischen Vorzeigeländer scheinen für ältere Menschen auf Grund ihrer körperlichen Beeinträchtigungen eine große Entlastung zu sein. Relevante lebensstilbezogene Interventionen zur Gesundheitsförderung, wie zum Beispiel Gesundheitsberatung, motivierende Gesprächsführung sowie Gesundheitsrisikoeinschätzung/ -abschätzung führen dabei zu einer Steigerung ihrer individuellen Ressourcen sowie einer Stärkung ihrer Gesundheitspotenziale.

Schließlich muss [auch]sichergestellt werden, dass Termine für ältere Menschen nicht zu knapp bemessen werden, da diese in der Regel mehr Zeit in Anspruch nehmen als Termine mit jüngeren Patient*innen. Auch Terminerinnerungen als Serviceleistung für ältere Menschen sind sehr wichtig, um sicherzustellen, dass Termine eingehalten werden. Bei baulichen Maßnahmen sollte ein besonderes Augenmerk auf Barrierefreiheit, Handläufe, ausreichend Sitzgelegenheiten sowie geräumige Toiletten gelegt werden.

(Bilder: Pixabay.com)

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