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Schluss mit der Verdrängung und Tabuisierung von Demenz!

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Derzeit leben in Österreich rund 130.000 Menschen mit einer demenziellen Erkrankung, wobei Morbus Alzheimer die häufigste – aber nicht die einzige Form von Demenz – darstellt. Jede*r vierte Bürger*in über 80 Jahren und fast jede*r zweite über 90 Jahren sind davon betroffen. Trotz dieser Zahlen stehen zu Beginn der Erkrankung immer noch vor allem zwei „Phänomene“: Verdrängung und Tabuisierung.

Alzheimer ist eine der am häufigsten auftretenden Formen demenzieller Beeinträchtigungen. Aufgrund der demografischen Entwicklung und steigender Lebenserwartung wird sich die Zahl der Betroffenen Schätzungen zufolge bis 2050 verdoppeln – womit Demenz der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit sein wird. Da Demenzkranke Menschen zumeist von pflegenden Angehörigen, für die der Umgang mit der Erkrankung eine große Belastung darstellt, versorgt werden, ist es höchste Zeit, ihnen unter die Arme zu greifen!

Lebensumstände verbessern

Es ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, die Lebensumstände von Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen und ihrer Familien zu verbessern und auch weiterhin eine qualitätsvolle Pflege zu sichern. Die Österreichische Demenzstrategie „Gut leben mit Demenz“ beschreibt klare Handlungsempfehlungen, die seit 2016 laufend umgesetzt werden. Zukünftig soll der Schwerpunkt der Maßnahmen auf adäquate Betreuungsangebote sowie auf die Entlastung und Begleitung von pflegenden Angehörigen gelegt werden.

BM Rudolf Anschober: „Der heutige Welt-Alzheimertag [Anmerkung: 21. September] soll darauf aufmerksam machen, dass in Österreich derzeit 130.000 Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung leben. Meine Kernaufgabe als Sozialminister ist es einerseits, dieser besonderen Personengruppe eine Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Andererseits aber auch, den bestmöglichen Erhalt der Lebensqualität der Erkrankten und ihrer Angehörigen sicherzustellen. Dazu gehört ein Umfeld für Angehörige, in denen sie auf niederschwellige und verlässliche Unterstützung bauen können, wenn mit dem Verlust der kognitiven Funktionen des Betroffenen auch ein erhöhter Betreuungsaufwand einhergeht. Angehörige stehen täglich vor der „Herausforderung Alzheimer“ und suchen im Alltag oft händeringend nach Antworten auf die vielen Fragen, die eine solche Diagnose aufwirft: Wie verläuft die Erkrankung? Wie wirkt sie sich auf die Persönlichkeit des Betroffenen aus? Wie wirkt sie sich auf mein Leben als Angehöriger aus?

Aus eigener, ganz persönlicher Erfahrung – mein Vater erkrankte im Alter an Alzheimer – möchte ich ihnen mitgeben: Informieren sie sich über die Krankheit. Tauschen sie sich mit anderen Angehörigen und Gleichgesinnten aus. Reden sie darüber und wenn die alltägliche Herausforderung zur Überforderung wird: Holen sie sich Rat. Das Sozialministerium bietet Unterstützungsangebote an, wie beispielsweise das kostenlose Angehörigengespräch. Zahlreiche Initiativen in Österreich organisieren Angehörigengruppen, in denen man Gleichgesinnte treffen und sich austauschen kann. All das kann zwar nicht die Erkrankung beseitigen, sind aber Möglichkeiten, die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden als pflegender Angehöriger auch in solch herausfordernden Zeiten zu erhalten.“

Silhouette eines Mannes in einem Rollstuhl, dahinter unscharf eine Familie mit zwei Kindern.
(c) Pixabay.com
Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für das – sehr oft pflegende – familiäre Umfeld ist eine Demenzerkrankung eine enorme Belastung, die man gerade zu Beginn sehr oft auch verdrängt und tabuisiert.

Angehörige sind eine wesentliche Stütze bei der Betreuung von Betroffenen

Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen werden überwiegend zu Hause betreut, sodass an die ganze Familie hohe Anforderungen gestellt werden. Gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit der Corona-Krise ist die Betreuung psychisch und physisch besonders belastend für pflegende Angehörige. Daneben müssen oft auch noch berufliche Aufgaben erfüllt werden.

Daher wird dem Thema Demenz und Entlastung der pflegenden Angehörigen im Rahmen der „Task Force Pflege“, die bereits die Arbeit aufgenommen hat, besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Schon jetzt unterstützt das Sozialministerium pflegende Angehörige durch verschiedene Maßnahmen. Bei der Einstufung des Pflegegeldes wird mit dem Erschwerniszuschlag der besonders belastenden Pflege von Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen Rechnung getragen. Die Möglichkeit einer Pflegekarenz oder Pflegeteilzeit und der Rechtsanspruch auf ein Pflegekarenzgeld als Einkommensersatz unterstützt Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer dabei, Pflege und Beruf zu bewältigen.

Darüber hinaus bietet das Sozialministerium im Rahmen der Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege einen kostenlosen Hausbesuch zur Beratung durch eine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson an. Angehörige, die sich aufgrund der Pflegesituation belastet fühlen, können zudem ein beitragsfreies Angehörigengespräch in Anspruch nehmen, damit Bewältigungsstrategien für die bestehenden Schwierigkeiten in der Pflege und neue Perspektiven gefunden werden und eine Entlastung geschaffen wird.

Anmeldung für diese kostenlosen und vertraulichen Angebote zur Erhöhung der Lebensqualität, sowohl der Betroffenen, als auch der Angehörigen, sind beim Kompetenzzentrum „Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege“ unter der Telefonnummer 050 808 2087 möglich.

Die Förderung der 24-Stunden-Betreuung und die Finanzierung einer Ersatzpflege während Erkrankung oder Urlaub der Hauptbetreuungsperson sind ebenso bewährte Maßnahmen.

Demenz ist enorme Belastung für pflegende Angehörige

Auch Peter Kostelka, der Präsident des Österreichischen Pensionistenverbandes [PVÖ] verweist auf „die enorme Belastung, der pflegende Angehörige ausgesetzt sind“. Er fordert in diesem Zusammenhang im Rahmen der Pflegereform „die Umsetzung einer Vielzahl von Maßnahmen, die ineinandergreifen, um pflegende Angehörige in Zukunft deutlich entlasten zu können.“ Dazu gehören u.a.:

  • Einrichtung von Informationsstellen, an die sich pflegende Angehörige mit fachlichen Fragen aber auch bei eigener psychischer und/ oder körperlicher Überlastung wenden können

  • Etablierung von Lehrgängen, von Bildungs- und Schnupperangeboten für pflegende Angehörige bei Pflegeprofis

  • Ausbau von Einrichtungen wie Tageszentren, die mit von Demenz betroffenen Menschen ein adäquates Aktivitätenprogramm durchführen – dabei gilt: die Angebote müssen vielfältig sein wie die Menschen selbst

  • Ausbau der mobilen Einrichtungen wie Heimhilfe, Altenhilfe, Besuchsdienst, Hauskrankenpflege

  • Sozialrechtliche und finanzielle Unterstützung [Kranken- und Pensionsversicherung, Pflegegehalt, Rechtsanspruch auf Pflegekarenz, Pflegeteilzeit und [kurzfristiger]Pflegefreistellung-Anspruch samt wirkungsvollen Kündigungsschutz] von pflegenden Angehörigen

  • Sozialrechtliche Gleichstellung von pflegenden Angehörigen, die selbst bereits in Pension sind: Diese Pensionisten sollten einen besonderen Höherversicherungsbetrag zur Pension erhalten. Jene, die über keine eigene Pension verfügen, sollen dafür Versicherungszeiten [als Beitragszeiten]erwerben und dadurch ggf. einen Pensionsanspruch erwerben.

  • Eine adäquate Anerkennung von Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit durch Demenz. Kostelka: „Für den Pflegebedarf zum Beispiel aus geistig-seelischen Gründen oder bei Formen von Demenz besteht nach wie vor nicht die entsprechende Berücksichtigung bei der Pflegegeld-Einstufung. Das ist – gerade wenn man sich die Häufigkeit der Fälle vor Augen führt – unverständlich und muss auf jeden Fall in der hoffentlich bald Gestalt annehmenden Pflegereform berücksichtigt werden.“
Eine leere Tastatur, Stichwort Verdrängung bei Demenz.
(c) Pixabay.com
Stellen sie sich vor, auf ihrer Tastatur verschwinden nach und nach die Buchstaben – so ist es mit den Erinnerungen, wenn sie an einer Demenz erkranken.

Schluss mit Verdrängung und Tabuisierung – Demenz geht uns alle an

Demenz betrifft nicht nur die erkrankten Personen, sondern in ganz besonderer Weise auch deren persönliche Umgebung. Trotz der massiven Betroffenheit ist der gesellschaftliche Umgang mit Demenz nach wie vor von Verdrängung und Tabuisierung geprägt. „Das Phänomen Demenz muss in seiner Komplexität, seiner demographischen wie gesundheitspolitischen Bedeutung und in seinen sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen neu betrachtet werden“, fordert Othmar Karas, Präsident des Hilfswerk Österreich. „Dieser Entwicklung muss auch die bevorstehende Pflegereform Rechnung tragen“, so Karas weiter. „Wir dürfen als Gesellschaft diese Menschen nicht alleine lassen.“

„Die Politik ist gefordert, den nötigen Rahmen zu gestalten, in dem qualitativ hochwertige Betreuung und Pflege insbesondere auch für Betroffene von Demenz und deren Angehörige möglich ist. In der Österreichischen Demenzstrategie ist eine Reihe von zielführenden Maßnahmen bereits definiert. Die bevorstehende Pflegereform bietet die einmalige Chance, wirksame Verbesserungen endlich auf den Weg zu bringen,“ so Othmar Karas abschließend.

(Bilder: Pixabay.com)

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